Irgendwo zwischen Kult, Abscheu und Verdrängen befindet sich ein Ort in Krakau, dessen Zukunft unklar ist und über dessen geschichtliche Kontextualisierung gesellschaftlich noch verhandelt wird. Das ehemalige Hotel Forum ist tatsächlich ein besonderer Ort, einerseits hervorragend am Ufer der Weichsel positioniert, die dortige Umgebung dominierend (vom Süden kommend „empfängt“ es die Reisenden, noch kurz bevor der Wawel zu sehen ist), andererseits kein Teil des offiziellen städtischen Gedächtnisses, (noch?) keine Station auf der Route der Reisegruppen. Stattdessen ist das Hotel tief in das kommunikative Gedächtnis der Einwohner Krakaus eingedrungen, jeder erinnert sich an bestimmte Ereignisse und Erlebnisse, assoziiert etwas mit diesem Bau. Egal, wie man zu ihm steht, er scheint jedenfalls Emotionen zu wecken, was man nicht zuletzt in diversen Internet-Foren (etwa hier) mitbekommt.

Die Geschichte des Hotels ist schnell erzählt. 1978 wurde mit dem Bau begonnen, zehn Jahre später wurde es als das damals modernste Hotel Polens eröffnet, ausgestattet mit den verschiedensten technischen Raffinessen.

Mit seinem Hallenbad, dem Casino und angeblich einem der besten Restaurants der Stadt galt es als ein Ort, wo sich die Welt traf und nicht nur die Crew von „Schindler’s Liste“ – mit Ausnahme von Spielberg selbst – stieg dort ab. Auch für Kongresse, Hochzeiten und andere Feierlichkeiten war das Forum ein beliebter Ort. Doch bereits 2002 wird das Hotel geschlossen, angeblich wegen Baumängel. Seitdem wurde es zwar noch für Studenten- und Schülerpartyevents genutzt, doch im Allgemeinen dient es nur mehr als gigantische Werbetafel und ist ansonsten seinem Verfall überlassen. War es früher ein zentraler gesellschaftlicher Treffpunkt, so wird man heute vom Gelände vertrieben, wenn man eine Kamera in der Hand hat.

Was nun genau mit dem Forum passieren soll, weiß niemand so recht. Vor einigen Jahren ging der Bau von der Hotelkette Orbis/Accor in den Besitz von Wawel-Imos über, diese Firma plant seitdem den Abriss des Gebäudes, um an dessen Stelle Apartments zu errichten. Doch bisher fehlte die Erlaubnis der Stadt, Gerüchten zufolge würde eine Demolierung den schräg gegenüber liegenden Wawel gefährden.

Diese Lage macht den Fall auch so brisant. Von Kritikern wird immer wieder beklagt, dass das Forum die urbane Landschaft zerstöre oder dass kein Gebäude höher sein dürfe als der Wawel. Direkt vis-à-vis liegt auch noch ein weiteres nationales „Pantheon”, das Paulinerkloster, genannt Skałka. In dieser Reihe nationaler Denkmäler steht also nun ein modernistischer Bau aus kommunistischen Zeiten und stört das imaginierte und idealisierte Bild der Stadt. Dabei gebe es einige Identifikations- und mentale Integrationsmöglichkeiten, abgesehen von den schon angesprochenen persönlichen Assoziationen. Interessant finde ich beispielsweise die familiären Bezüge des Architekten Janusz Ingarden. Nicht nur, dass sein Sohn Krzysztof Ingarden mit dem Manggha Museum an einem der spektakulärsten Bauten der Stadt betraut war, welches im Übrigen nicht weit entfernt vom Forum steht, doch auch sein Vater ist ein prominenter Name und zwar der bekannte polnische Philosoph Roman Ingarden, der während der sozialistischen Herrschaft beständig Schwierigkeiten mit seiner Berufsausübung hatte. Sein Sohn hingegen wirkte nicht nur am Hotel Forum mit, sondern war ebenso am Bau der sozialistischen Planstadt Nowa Huta beteiligt und ist daher mit Sicherheit zu den nachhaltigsten Architekten dieser Epoche – gerade für Krakau – zu rechnen. Dies gibt auch Prof. Władysław Stróżewski vom Gesellschaftlichen Komitee der Erneuerung der Krakauer Denkmäler (Społeczny Komitet Odnowy Zabytków Krakowa ) zu bedenken und fragt konkret, ob man das Hotel Forum nicht auf die Liste der Sehenswürdigkeiten setzten sollte. Dem hält der städtische Hauptarchitekt Andrzej Wyżykowski entgegen, dass für einen solchen Denkmkalschutz-Status zumindest ein Alter von 50 Jahren vonnöten ist und dass hier andere Bauten aus der sozialistischen Epoche wie das Hotel Cracovia oder das Kino Kijów eher einen Anspruch darauf hätten.

Doch der Umgang mit dem Erbe des Sozialismus ist generell schwierig in Polen und die häufige und so emotionale Ablehnung des Hotels rührt von diesen Konflikten, auch wenn andere Gründe vorgeschoben werden. Der Widerspruch zwischen persönlichen Bezügen zu diesem Ort und der fehlenden kollektiven Erzählung darüber lässt einen Spielraum für Phantasie und Spekulation. So kursieren Gerüchte über Grundstückspekulation, Mafia oder es herrscht Angst vor ausländischen Investoren. Als Eigentümer werden einmal die Stadt, dann der Staat, dann wieder ein internationaler Konzern vermutet. Auch wenn ein Abriss gewünscht wird, so fürchtet man einen neuen modernen – diesmal kapitalistischen – „Klotz“. Auf der anderen Seite bietet das Forum Raum für subjektive Aneignungen, wie sie die niederländische Künstlerin Monika Wiechowska in einer Fotoausstellung im Jahr 2006 vorstellte. Im Interview mit der Gazeta Wyborcza spricht sie davon, dass ihre Bilder keinen dokumentarischen Charakter haben, sondern emotionale Bezüge darstellen. Zwischen der Leere des Ortes und den psychedelischen Effekten der Ausstattung entsteht ein magischer Raum. Wäre dies nicht ein Bezugspunkt, mit dem an den Charakter der Stadt angeknüpft werden kann? Das geheimnisvolle oder “magische Krakau“ ist schließlich eines der Sujets, mit denen geworben wird. Oder liegen die letzten Hoffnungen für das Gebäude in seiner kommerziellen Verwertung als sozialistischer Nostalgie-Kitsch, wie es partiell Nowa Huta zu drohen beginnt? Könnte man das Hotel nicht einfach nur verrotten lassen, als ein Stachel im urbanen Körper der Stadt (ähnlich dem „Szkieletor“, siehe unten), der ein idealisiertes Geschichtsbild stört, für Verwirrung sorgt und zum Nachdenken anregt? Es wäre ein paradigmatischer Ort komplexen kollektiven Gedächtnisses und somit ein hybrider Gegenentwurf zu anderen oft homogenen lieux de memoiré. Wäre das nicht eine Chance für Krakau?

Bei der Beschäftigung mit Krakau kommt einem immer wieder der Begriff des Pantheons unter, sei es als pathetische Überhöhung oder als Bezeichnung für bestimmte Orte. Dass es sich dabei um eine breitere europäische Tradition des 19. Jahrhunderts handelt, ist klar. Allerdings beschäftigt mich schon seit längerem, wie ein Pantheon funktioniert und in welchem Verhältnis es zum gesellschaftlichen Selbstverständnis steht.

Zum Ordnen meiner Gedanken habe ich mich an einen Text von Matthias Bickenbach orientiert,[i] wo das Pantheon in der Form, wie es um 1800 als Konzept wieder aufgegriffen wird, als „topographisches Gedächtnismodell eines symbolischen Ortes der Versammlung“ bezeichnet wird. Ausgehend von dieser Beschreibung möchte ich im Folgenden die Elemente seiner Struktur bezeichnen, um mich einerseits den Bedingungen seines Funktionierens (als Manifestation von Diskursen) und andererseits den Funktionen und Wirkungen selbst anzunähern. Das Ausgliedern der einzelnen Elemente hat den Zweck analytischer Vereinfachung, denn als „Pantheon“ stellen sie stets eine Gesamtheit im Sinne eines Netzes dar.

  1. Die erste Ebene ist jene der räumlichen Anordnung. Das Ideal stellt dabei das antike römische Vorbild dar, welches in jeder Beziehung Universalität symbolisierte: die Geschlossenheit aller möglichen Götter, die Kuppel als Analogon des Himmels, der ocolus als Übertragungskanal von Mikro- und Makrokosmos, die Geometrie der Architektur. Das Ordnungssystem besitzt in diesem Fall schon an sich so viel Aussagekraft, dass „die Leere des Bildlichen [umschlägt] in die Möglichkeit der Universalität, die der Raum bezeichnet.“ (120) Das 19. Jahrhundert mit seiner Lust am Bild muss diese Ordnung wieder mit Anschaulichem füllen, doch die Ordnung an sich wird fortgesetzt. Es ist ein „Ort der Versammlung“, eine unbewegliche Anordnung von unbeweglichen Elementen, sodass räumliche Abgeschlossenheit und Stabilität sowie Zeitlosigkeit darstellbar werden.
  2. Eine zweite Ebene stellen jene Diskurse dar, welche sich im Pantheon manifestieren können. Ihre historische Wandelbarkeit zeigt sich schon darin, dass das Pantheon um 1800 säkularisiert und vergeschichtlicht wird. Das heißt, keine Götter versammeln sich hier, sondern die Gegenwart des bürgerlichen Zeitalters verschafft sich Legitimation über die Konstruktion ihrer Geschichte. In unterschiedlichen (meist nationalen) Varianten bieten besonders vorbildliche Personen jene Kombination aus historischer Kontinuität und Handlungsorientierung für Gegenwart und Zukunft. Die zur Etablierung ihres Geschichtsmodells notwendige Institutionalisierung ist gleichbedeutend mit einer Kanonisierung, welche im Pantheon auf Grund seiner oben beschriebenen Ordnungsstruktur medialisiert werden kann. Geschichte/VorBilder/Kanon/Nation wäre also jenes diskursive Gemenge an leitenden Ideen des 19. Jahrhunderts, welches im Pantheon die Möglichkeiten zu seiner Materialisierung antrifft.
  3. Dazu ist – als eine dritte Ebene – aber auch tatsächlich Material notwendig. Mit seinen Eigenschaften der Anschaulichkeit und vermittelten Zeitlosigkeit stellt Stein dabei das Ideal da. Stein steht für lange Dauer (oder Ewigkeit), er bezeugt die Vergangenheit, ist selbst Vergangenheit und macht sie damit gegenwärtig. Seine materielle Kontinuität suggeriert Stabilität über alle Zeiten hinweg, womit er die räumliche Abgeschlossenheit und die Zeitlosigkeit der Raumordnung noch verstärkt. Neben dem Stein ist jedoch auch die Reliquie mitzudenken. Das Pantheon als Nekropole macht die religiöse Komponente dieses Gedächtnismodells deutlich. Ähnlich wie der Stein bewirken auch menschliche Überreste die anschauliche Anwesenheit der Vergangenheit im Heute. Sie bedienen gleichzeitig das bürgerliche Bedürfnis nach Echtheit, Authentizität, wie auch jenes nach Wundertätigkeit, nach einer wohlgesinnten metaphysischen Kraft.
  4. Als vierte Ebene möchte ich den Handlungsaspekt einführen. Zum einen stellt dieser die Konsequenz aus dem bisher Gesagten dar, doch umgekehrt verlangt das Gedächtnismedium, um seinen institutionellen Status aufrecht erhalten zu können, nach wiederholter performativer Re-Aktualisierung. Da Ritualen die Eigenschaft von Stabilität inhärent ist, stellen sie einen bevorzugten kulturellen Umgang mit Vergangenheit im Allgemeinen und dem Pantheon im Besonderen dar. Sie stellen das Äquivalent zur Statik der Ordnung, des Ortes und der Zeit dar. Religiöses und Säkulares vermischt sich bei Toten- und Gedenkfeiern, Ehrenwache oder Kranzniederlegungen. In der Gesamtheit aller Ebenen lässt sich das Pantheon als ein Dispositiv verstehen, welches den performativen Umgang präfiguriert. Es erschafft dem Besucher einen auratischen Ort, außerhalb von (alltäglichem) Raum und (Lebens-)Zeit, ebenso wie eine hybride Kultstätte der Moderne, in welcher Toten-, Reliquien-, Vergangenheits- und Künstlerkult ineinander übergehen. Beides verlangt nach Ehrfurcht, Andacht und Besinnung als Verhaltensnormen.

Diese Elemente des Pantheons und ihre Charakterisierungen stellen Idealformen dar und de facto treten bei einer Realisierung immer Probleme auf (etwa auf Grund der Historizität oder der Transnationalität von Gedächtnis). Trotzdem hat es als Modell große Verbreitung gefunden. Es kanonisiert und stabilisiert nicht nur kollektives Gedächtnis, sondern es stattet dieses noch zusätzlich mit Wirkungskraft aus. Die institutionalisierte Vergangenheit erhält Erhabenheit, Heiligkeit. Das fördert nicht nur die metaphysische Überhöhung der Geschichte, sondern steigert dazu noch die Legitimation jener, welche sich auf sie berufen.

Zum einen sorgt dies für Stabilität einer Gesellschaft, indem es Zusammengehörigkeit imaginiert und indem es in einer Zeit intensiver kultureller Beschleunigung durch einen stabilen Erfahrungsraum die Schaffung einer Zukunftsperspektive, eines Erwartungshorizonts erleichtert.

Andererseits ist das Pantheon als Ort praktisch veränderungsresistent. Im zeitlichen Verlauf muss es entweder selbst einen Verlust an gesellschaftlicher Bedeutung erleiden oder die Gesellschaft droht in antiquierten Handlungsidealen und Weltbildern einzufrieren.


[i] Bickenbach, Matthias: Das Dispositiv des Fotoalbums. Mutationen kultureller Erinnerung. Nadar und das Pantheon. In: Fohrmann, Jürgen; Schütte, Andrea; Vosskamp, Wilhelm: Medien der Präsenz. Museum, Bildung und Wissenschaft im 19. Jahrhundert. Köln, 2001. S.87–128.

Mit seinem 1967 gehaltenen Vortrag „Des espaces autres“ (dt.: Andere Räume, 1992) gilt Michel Foucault als Prophet einer Wiederentdeckung des Räumlichen für die Kultur- und Sozialwissenschaften, welche im Sinne eines Paradigmenwechsels häufig als „spatial turn“ bezeichnet wird. Er prägt darin zum einen den Begriff der Heterotopie, zum anderen postuliert er in der Einleitung einen Gegensatz zwischen dem 19. Jahrhundert und der Gegenwart, indem er einen Wandel von einer Vorrangstellung der Zeit zu einer des Raumes ausmacht. Mir kommt es nun auf diesen zweiten Punkt an, da ich zwar die Idee prinzipiell für recht plausibel halte, aber seinen Bezug zum 2. Hauptsatz der Thermodynamik nie richtig verstanden habe:

„Die große Obsession des 19. Jahrhunderts ist bekanntlich die Geschichte gewesen: die Entwicklung und der Stillstand, die Krise und der Kreislauf, die Akkumulation der Vergangenheit, die Überlast der Toten, die drohende Erkaltung der Welt. Im Zweiten Grundsatz der Thermodynamik hat das 19. Jahrhundert das Wesentliche seiner mythologischen Ressourcen gefunden. Hingegen wäre die aktuelle Epoche eher die Epoche des Raumes. Wir sind in der Epoche des Simultanen, wir sind in der Epoche der Juxtaposition, in der Epoche des Nahen und des Fernen, des Nebeneinander, des Auseinander. Wir sind, glaube ich, in einem Moment, wo sich die Welt weniger als ein großes sich durch die Zeit entwickelndes Leben erfährt, sondern eher als ein Netz, das seine Punkte verknüpft und sein Gewirr durchkreuzt.“

Der 2. Hauptsatz der Thermodynamik lautet wiederum nach Rudolf Clausius (1850):

„Es gibt keine Zustandsänderung, deren einziges Ergebnis die Übertragung von Wärme von einem Körper niederer auf einen Körper höherer Temperatur ist.“

bzw. in einer Ableitung:

„In einem geschlossenen adiabaten System kann die Entropie nicht abnehmen, sie nimmt in der Regel zu. Nur bei reversiblen Prozessen bleibt sie konstant.“ (Wikipedia)

Für mich als Laien bedeutet es schon einiges an Anstrengung, ungefähr zu verstehen, worum es dabei geht. Und noch schwieriger erschien es mir, einen Zusammenhang zu Foucaults Aussage herzustellen, vor allem auch deswegen, weil diese Gesetze erst Mitte des 19. Jahrhunderts formuliert wurden und auch später wohl nur sehr wenige Menschen etwas damit anfangen konnten. Wie kann dann der 2. Hauptsatz zum „Wesentlichen mythologischer Ressourcen“ werden?

Tatsächlich dürfte es aber so sein, dass die Zeit-Obsession des 19. Jahrhunderts durch den Begriff der Entropie versinnbildlicht, in einer Formel auf den Punkt gebracht wird. Foucault – indem er das Faible postmoderner Autoren für Physik und Technik teilt – sieht in der Entropie eine Metapher für Vorstellungen, welche schon lange vor Clausius vorherrschten. So schreibt etwa Hartmut Rosa (Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. 2005):

„Die Geburtsstunde der Moderne, so lässt sich mit einiger Plausibilität argumentieren, war die Emanzipation der Zeit vom Raum“ (61)

und weiter:

„mit Hobbes (und in der modernen Physik) schließlich gewinnt das Prinzip der Bewegung (als Freiheit) Vorrang vor der (aristotelischen) Ruhe.“ (62)

Hier ist nun der Bezug zur modernen Physik (und damit zur Thermodynamik) hergestellt und außerdem Foucaults Paradigmenwechsel von (der fließenden, fortlaufenden) Zeit zum (im historischen Kontext als unverändert geltenden) Raum in die Formel Bewegung vs. Statik übersetzt. In nachfolgenden Zitaten ist dann von der „Liebe zur Bewegung an sich“ (Friedrich Ancillon, 1823) die Rede oder von der bekannten marxschen Formulierung: „Alles Ständische und Stehende verdampft“ (1848).

Foucault hat natürlich auch anderes im Sinn und zwar jene Ideale und Mythen der Epoche, welche auf der Vorrangstellung von Zeit und Bewegung gegenüber Raum und Statik beruhten: die rasant wachsende Bedeutung der Geschichte (zur Legitimation von kollektiven Identitäten), das kategorische Schema zivilisiert/barbarisch, den Glauben an den Fortschritt oder den Geschichtstelos des Marxismus. Entropie als irreversible Bewegung stellt für Foucault offenbar die ideale Metapher für den Motor dieser historischen Weltbilder dar.

Soweit meine Erklärung für dieses Zitat, aber über weitere Vorschläge würde ich mich freuen.

Der Eingangsbereich des Wiener Wurstelpraters wurde eben neu gestaltet und erregt aus unterschiedlichsten Gründen öffentliches Aufsehen. Zum einen werden politische Entscheidungen und dubiose Eigentumsverhältnisse kritisiert, zum anderen stellen sich die neuen Konstruktionen vor allem als ein ästhetisches Ärgernis heraus. Der Standard etwa schreibt:

„Irgendjemand hat hier im Fiebertraum unzählige Elemente längst untergegangener Wiener Hochkulturen zu einer gräulichen Stilmasse verdaut und ausgekotzt.“

Man fragt sich zwangsläufig, weshalb man diese Elemente der städtischen Geschichte, transformiert zu billigen Fassaden, Vergangenheitskitsch und einem Hauch von Themepark-Atmosphäre, überhaupt benötigt, wenn man doch drei U-Bahn-Stationen weiter das selbe plus dem Anschein von Authentizität bekommen kann. Schließlich ist der Themenkomplex „Wien um 1900“ wesentlicher Bestandteil des gesamtstädtischen Images.

Die Form eines Themenparks kann ja sogar auf eine Prater-Tradition zurückgreifen, als 1895 „Venedig in Wien“ errichtet und einige Jahre lang auch begeistert aufgenommen wurde. Doch erstens handelte es sich dabei um den Nachbau eines relativ fernen Ortes und zweitens büßte diese Art der Reise schnell durch das gleichzeitige Aufkommen der Kinos an Attraktivität ein. Mit Ausnahme dieser Episode fußte der Prater immer auf einer durchmischten Vielzahl an Orten.

Er stellte dabei immer einen Gegen-Raum für Wien dar. Hier verbrachte man seine Freizeit, hier traf ein buntes soziales Gemisch aufeinander, hierhin reichte häufig nicht der strenge bürgerlich-katholische Blick der Moral. Aberglauben, Phantasien, neue (Aus-)Blicke, neue Geschwindigkeiten und Techniken, das Traditionelle und das Futuristische hatten hier ihren Platz. Die Panoramen und die ersten Kinos waren nur eine konsequente Fortsetzung des Ringelspiels, der Freak-Show und der Wahrsagerin. Der Prater eröffnete eine Vielzahl neuer Räume, war sozusagen Labor und Schule für jene Erfahrungen, die später mit Autos, Flugzeugen, Fernseher, Internet und Globalisierung zur Normalität werden sollten.

Die Neugestaltung des Praters widerspricht daher in mindestens zwei Punkten der eigenen Tradition: Zum einen war der Prater um 1900 ein anderer Raum – ein Heterotop – im Verhältnis zum Wien des Fin de siècle, es findet nun also eine Rollenverschiebung statt, die nur deswegen so negativ ausfallen muss, weil „Wien um 1900“ weiterhin ein Grundpfeiler gesamtwienerischen Selbstverständnisses ist. Zweitens bietet der neue Bereich keine sinnliche Herausforderung, keine Verwirrung der Eindrücke – Bilder, Gerüche, Lärm –, kein Staunen und Überraschen, kein Spectacle.

Das penetrante Anknüpfen an die Wiener Kultur, ihren architektonischen Elementen, ihren ikonisierten Helden und ihrem sprachlichen Ausdruck („Herrrreinspaziert!“ „Küss die Hand“) mag in Sissi-Filmen noch für nostalgische Gefühle gereicht haben. Hier jedoch sind sie dem letzten Rest identitätsbildender Kraft verlustig gegangen. Keine Nähe und Ferne, sondern bloße Oberfläche vermitteln sie. Diese neue Konstruktion wird damit zum spätmodernen non-lieu par excellence, kein Eingangsbereich liminaler Verwandlung, sondern ein öffentlicher Raum heutiger Zeit wie das Einkaufszentrum. Sauber, sicher, unkompliziert, konsumentenfreundlich, Geschichte ohne historisches Objekt, sondern als Dekoration.

Dass dieses Erscheinungsbild zu einem Konflikt mit bisherigen Erinnerungen und Identitäten führt, war vorauszusehen. Ebenso ist aber anzunehmen, dass diese sinnentleerte Kulisse gerade wegen ihrer Oberflächigkeit, ihrer Wien-Werbung-Ästhetik und ihrer strukturellen Ähnlichkeit zur Shopping Mall schneller akzeptiert werden wird, als man denkt. Nicht wegen architektonischer Originalität oder atemberaubendem Spektakel, sondern weil man nichts anderes gewöhnt ist, weil sie steril und banal ist, so wie man sich einen öffentlichen Raum nur wünschen kann.

Was wird das nächste Krakauer „In-Viertel“? Das ist eine Frage, die immer wieder zur Sprache kommt und ich denke, das hat zum einen damit zu tun, dass die Stadt innerhalb der vergangenen 20 Jahre einen echten Boom erfahren hat und davon gleich mehrere Wellen. So war es zuerst die Altstadt, welche aufwendig renoviert, touristisch wieder entdeckt und heute neben den kulturinteressierten Städtereisenden auch immer mehr partyfreudige Wochenendgäste anzieht. Parallel dazu wurde der Stadtteil Kazimierz als historisches Erbe jüdischer Kultur bekannt, nicht zuletzt forciert durch den teilweise hier gedrehten Film „Schindler’s Liste“. Gleichzeitig erwuchs aus einem dort ansässigen bzw. von dem Viertel angezogenen künstlerischen Milieu eine Kneipenszene, die sich als Alternative zum Stadtzentrum verstand, jedoch in den letzten Jahren ob ihrer Auswüchse auch unter Kritik geriet. Ein weiterer Faktor ist, dass Kazimierz einem Prozess der Gentrifizierung unterliegt, steigende Mietpreise verändern das soziale Gefüge des lange Zeit als gefährlich und unattraktiv geltenden Stadtteils. Die Kommerzialisierung des Raumes könnte über kurz oder lang seinen Charme der Authentizität mindern.

Auf der anderen Seite ist dies natürlich kein Sonderfall. In Berlin beispielsweise kann man den Wechsel „verruchtes Viertel – alternative Szene – attraktiver Bobo-Wohnort - Spießergegend“ immer wieder verfolgen. Neu-Köln könnte da ein nächster Kandidat sein und in Wahrheit warte ich nur auf Marzahn, bis ich dann wirklich nach Berlin ziehe.

Aber natürlich gibt es in dieser Frage kein wirklich funktionierendes Modell. Deswegen ist es im Falle Krakaus auch möglich, dass die Antwort auf die gestellte Frage noch eine Zeitlang auf sich warten lässt. Bisher galt immer Podgórze als Favorit und tatsächlich spricht einiges dafür. Dieser Stadtteil liegt recht attraktiv an der Weichsel, hat zwar keine allzu lange (seit 1784), dafür aber eine das Stadtbild prägende Geschichte. Bis zum 1. Weltkrieg eigenständig, hat Podgórze auch heute noch einen spürbaren eigenen Charakter. In den letzten Jahren als Wohnort für Studenten immer beliebter, hat es mit dem Manggha-Museum und bald mit der in der Schindler-Fabrik geplanten Samlung modernen Kunst auch seine Anziehungskraft auf den zeitgenössischen Kulturbetrieb bewiesen. Trotz dieser und noch anderer Tendenzen, haben sich die Prophezeiungen jedoch noch nicht bewahrheitet. Vielleicht liegt das Viertel auch schon etwas zu weit vom Zentrum entfernt?

Da hat der nächste Kandidat aber noch um einiges schlechtere Karten und zählt daher definitiv nur als Geheimtipp. Wobei, einen sehr eigenen Charakter kann man Nowa Huta nicht absprechen. Das „Geschenk Stalins“ an das konservativ-bürgerliche Krakau ist ein Beispiel sozialistischer Planarchitektur, erst unbeliebt wegen seines proletarischen und atheistischen Charakters und wegen der verschmutzen Luft aus dem riesigen Stahlwerk, erinnert man sich heute aber gerne an einen dortigen Kirchenbau und die Solidarność-Bewegung als Widerstandsakte gegen die ideologischen Bauherren. Der Blick auf das Viertel ist generell von Widersprüchen geprägt, so galt es zu nächtlicher Stunde als gefährlich und als Folge des wirtschaftlichen Wandels war Nowa Huta besonders von Arbeitslosigkeit betroffen. Auf der anderen Seite gewinnt der Stadtteil gerade deswegen durch billigere Mieten und eine zu weiten Teilen gute Qualität der Bausubstanz wieder an Attraktivität auch für Studenten. Dazu kommt, dass sich bedingt durch politische Förderungen neue Arbeitgeber ansiedeln, durch das aus Kazimierz abgewanderte Łaźnia-Theater wird auf eine bereits bestehende Theater-Tradition gesetzt und nicht zuletzt schwinden gerade bei den jüngeren Menschen mehr und mehr die lange geschürten Vorurteile gegen die Arbeiterstadt. Doch ob das reicht, „in“ zu werden, kann bezweifelt werden. Vielleicht alleine deswegen, weil Nowa Hute nicht nur real, sondern auch in den Köpfen noch immer zu weit weg vom „eigentlichen“ Krakau ist.

Wenn nun aber die Entfernung so ein wichtiger Faktor ist, wie wäre es mit Kleparz, nördlich direkt an das Zentrum anschließend? Auch hier gibt es eine lange eigene Geschichte, doch man spürt sie nicht mehr wirklich, vermutlich ist sie als noch unabhängige Stadt ein paar Mal zu oft zerstört worden. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ist Kleparz ein Teil Krakaus, ist tatsächlich zu einem Teil geworden. Was das Viertel trotzdem auszeichnet, ist – wie gesagt – die Nähe zur Altstadt und seine gleichzeitige Abgeschiedenheit von den Touristenströmen. Hier scheint man noch auf eine authentische polnische Kleinstadt zu treffen, mit dem belebten Marktplatz, den ruhigen Gassen, kleinen Geschäften. Wem sich das zu langweilig anhört, dem sei in Erinnerung gerufen, dass die Nähe zum Hauptbahnhof nicht nur historisch, sondern auch heute noch das älteste Gewerbe der Welt anzieht. Doch auch das scheint nicht zu helfen, Kleparz bleibt verschlafen und selbst wenn es einen Wandel erzwingen wollte, so glaube ich nicht recht, dass ihm das gelingen würde. Zwar weit davon entfernt, non-lieu zu sein, fehlt ihm dennoch jener sense of place, den Kazimierz, Podgórze und wohl auch Nowa Huta haben.

Womöglich hat der Boom in Krakau derzeit auch seine räumlichen Grenzen erreicht. Touristisches Wachstum ist nicht gleichbedeutend mit beschleunigtem stadtkulturellem Wandel und der traditionsbewusste urbane Habitus Krakaus ist nicht mit dem Berlins vergleichbar.


Literatur: Smagacz, Marta: Social changes in Krakow’s Kazimierz and the Ticinese District in Milan. Kraków 2008. Download hier.

Der Marsz Tolerancji (Toleranzmarsch) in Krakau ist vorbei. Bei herrlichem Wetter ging es vom plac Matejki los, links den Grüngürtel (Planty) entlang, dann über die ulica Dominikańska und ul. Grodzka auf den Hauptplatz (Rynek). Das ist nicht der klassische Weg für Umzüge, welche traditionell dem Königsweg entlang, also durch die ul. Floryańska direkt auf den Rynek, dort einmal herum und dann die Grodzka Richtung Königsschloss verlaufen. Aber der Weg durch die Planty verlieh der Veranstaltung etwas von einem gemütlichen Spaziergang und nur die hochgerüstete eskortierende Polizei erinnerte daran, dass es sich bei der Parade doch um eine unkonventionelle Stadtraumnutzung handelte. Der Einzug auf den Rynek war daher auch ein symbolischer Akt, der von den Teilnehmern laut bejubelt wurde. Man darf dies nicht unterschätzen, im Konflikt um den öffentlichen Raum gibt es unterschiedliche mit Bedeutung aufgeladene Orte. Den Königsweg durfte man mit dem Aufruf zur Toleranz mit Homosexualität nicht benutzen und auch am Rynek sah man sich nun mit der Gegenseite konfrontiert. Das symbolträchtige Denkmals des Nationaldichters Mickiewicz war fest in rechter Hand, umringt von Skinheads und Anti-Schwulen-Tafeln. Spechchöre, Gemüse und Eier waren partielle Versuche, auch den Demonstrationsraum zu übernehmen, de facto wurde dies aber vom Polizeispalier verhindert.

Nun ein paar Eindrücke von einer wirklich tollen und ermutigenden Veranstaltung. Bei der Vielzahl an Leuten mit Kameras gibt es bestimmt bald eine größere Auswahl…


Heute, am Samstag dem 26. April, findet in Krakau zum vierten Mal der Marsz Tolerancji statt, als Teil eines das ganze Wochenende stattfindenden Festivals. In den vergangenen Jahren kam es dabei auch stets zu Gegendemonstrationen, bei denen nicht nur verbal gegen Homosexualität und für vorgeblich traditionelle polnische Werte gekämpft wurde, sondern es auch zu Verletzten kam. Wie auch bei anderen ähnlichen Veranstaltungen – etwa in Warschau bei der Parada Równości [„Gleichheitsparade“] – werden dabei die gesellschaftlichen Brüche im Land besonders sichtbar: Zukunftsoptimismus vs. Wohlstandverlierer, humanistische Ideale vs. fanatischer Moralismus, Weltoffenheit vs. national-religiöse Barrikaden. Die Straßen, der öffentliche Raum, werden dabei zum Schauplatz dieser sozialen Widersprüche, von Seiten der Gegendemonstranten geht es dabei tatsächlich darum, ihn nicht zu verlieren. Homosexualität in der Öffentlichkeit macht ihnen Angst, erschüttert ihren engen Horizont und führt ihnen unangenehm vor Augen, dass ihre Stadt, ihr Land, im Gegensatz zu ihnen schon im 21. Jahrhundert angekommen ist. An diesem Tag wird offensichtlich, dass sie ihren Ort verloren haben.

Der umkämpfte öffentliche Raum spiegelt die gesellschaftlichen Kämpfe wider. Das spitzt sich am kommenden Samstag zu, findet aber auch schon im Vorfeld statt. Plakate, die vor der „homosexuellen Barbarei“ warnen, welche die nationalen und religiösen Werte der Nation mit Füßen tritt, hängen schon seit einigen Tagen in der Stadt (vgl. meinen letzten Text). Lustigerweise machen sie auf den unaufmerksamen Passanten (wie mich) eher den Eindruck einer Unterstützung der Parade. Die gelbe Farbe wirkt fröhlich und auf den beiden Fotos sieht man gut gelaunte Menschen mit bunten Luftballons. Wer möchte nicht Teil dieser Party sein? Aber gut, der Text spricht eine andere Sprache als die Bilder.

Auch die Veranstalter des Toleranzmarsches haben Plakate aufgehängt, unauffällig in Schwarz-Weiß, jede Aufregung vermeidend. Dazu kommen aber noch kleinere Aufkleber von beiden Seiten. Antifa-Symbole, aber auch „Stoppt Schwule“-Zettel [„Pedalstwu Stop“] oder der grimmige Wolf mit der bemüht ironischen Aufschrift „Vergesst ihr die Parade am 26. April, zeigen wir die Zähne“. Dazu kommen noch spontane Akte der Raumaneignung. Das gegenseitige Herunterreißen der Plakate, aber auch Schriftzüge wie „Schwule ins Gas“. Diesen aggressiven Ton hört man dann nicht nur ebenso auf der Gegendemo, vielmehr sind Plakatwände nur ein Teil eines viel größeren Diskurses, der auf den unterschiedlichsten Plattformen – etwa im Internet – stattfindet. Die Straße und der Platz sind nur die traditionellen Rahmen von Öffentlichkeit und deswegen vielleicht auch am stärksten umkämpft, doch immer schon und immer mehr gibt es auch andere Schauplätze.

Den öffentlichen Raum sah man schon oft im Sterben liegen. Dass dem nicht so ist, dass gesellschaftliche Veränderung verräumlicht werden kann, das sollen am Samstag möglichst viele Menschen beweisen. Um 12:00 am Plac Matejki geht’s los.

Zwischendurch kann Krakau ganz schön nerven, da hält man den nationalen Pathos, den Stolz auf die Geschichte der Stadt und das Konterfei des letzten polnischen Papstes an allen Ecken fast nicht mehr aus. Darum zeigt man sich anfangs auch nicht sonderlich überrascht, wenn man folgendes Plakat sieht:

(auf die Schnelle übersetzt: Homosexueller Barbarismus in Krakau! Marschder Toleranz 2007 – propagierte Homosexualität unter „dem Auge des Papstes“ [am Foto der Bischofspalast, in welchem Papst Johannes Paul mehrmals wohnte und auch heute noch sein Bild hängt, welches für Katholiken zu einer Art Pilgerstätte geworden ist]. Marsch der Toleranz 2006 – Propagandisten von Homosexualität trampeln auf dem Grab des Unbekannten Soldaten am Matejko-Platz herum. Achtung! Am 26. April kommen sie wieder durch die Krakauer Straßen. [ganz unten:] Pior Skarga-Gesellschaft christlicher Kultur)

Dass hier die Bevölkerung vor einem Aufmarsch Homosexueller und ihrer Sympathisanten gewarnt wird, welcher nicht nur den religiösen, sondern auch den nationalen Stolz verletzt, ist natürlich schlimm und idiotisch genug. Aber ebenso beunruhigend habe ich es empfunden, dass ich mich von diesem Plakat nicht sonderlich überrascht gezeigt habe. Als ob ich es erwartet hätte, dass man so etwas gerade hier zu Gesicht bekommen kann. Typisch, habe ich mir gedacht, das kennt man ja schon aus der Vergangenheit.

Bei der Recherche fühlte ich mich auch zuerst bestätigt, die Homepage des Vereins strotzt vor religiösem und nationalem Pathos, ihr missionarischer Eifer drückt sich nicht nur in Kreuzzug-Symbolik aus. In einem Artikel der Internetzeitung gazeta.pl wurde im Jahr 2005 zu diesem Verein recherchiert und er berichtet nicht nur von geheimnisvoller Desinformation, sondern auch von der Nähe einiger beteiligter Personen zu den auch im Ausland bekannten Institutionen „Liga Polnischer Familien“ („Liga Polskich Rodzin“), dem dieser Partei nahe stehenden Jugendverband „Allpolnische Jugend“ („Młodzież Wszechpolska“) sowie zur klerikal-nationalistischen Zeitung „Nasz Dziennik“.

Soweit noch keine große Überraschung, aber der Gedanke kam auf, dass ich mit Österreich ob seines strukturellen Katholizismus, dem dortigen Konservativismus, dem Mysthizismus und der vorherrschenden Obrigkeitshörigkeit vielleicht manchmal zu streng ins Gericht gegangen bin. Wenn man es mit Polen vergleicht…

Dann kam ich aber doch noch rechtzeitig zur Besinnung. Der schon angesprochene Artikel erwähnte noch weitere Namen und Vereine und diese hatten nicht mehr unbedingt etwas spezifisch Polnisches an sich. Unter anderem findet sich hier ein brasilianischer Staatsbürger namens Leonardo Przybysz, oder der in Frankfurt/Main ansässige Mathias Gero von Gersdorff. Dieser wiederum war vor einigen Jahren auch in Österreich aktiv mit einem Verein namens „Österreichische Jugend für eine Christlich-kulturelle Gemeinsamkeit innerhalb des Deutschsprachigen Raumes“, von welchem sich die offizielle Kirche distanzierte. Immer wieder tritt er in Erscheinung, wenn es darum geht, radikale moralische Positionen zu vertreten [z.B. auf www.kreuz.net gegen „Bravo“]. Er ist Vorsitzender der deutschen Abteilung des Vereins „Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“, welcher wiederum ursprünglich in Brasilien gegründet wurde. Die Online-Ausgabe des Magazins „Titel“ berichtete 2005 von einer weiteren Aktivität von Gersdorffs im Verein „Deutschen Vereinigung für eine Christliche Kultur (DVCK) e.V.“ und zitierte dort aus einer Postsendung unter anderem folgendes:

„Möchten Sie, daß Ihre Kinder Schulkameraden haben, die keine Mutter, aber zwei Väter oder keinen Vater, aber zwei Mütter haben? [..] Möchten Sie, daß Ihre Kinder aufwachsen und die Homosexualität als etwas völlig Normales ansehen? […] Pädophilie, Pornographie im TV, erotische Blätter wie „Bravo“ für Kinder und Jugendliche… Was soll denn demnächst noch kommen? Kannibalismus, Nekrophilie und Polygamie? […] Es ist höchste Zeit, daß dieser Dekadenzprozeß gestoppt wird. Und hierzu brauche ich Ihre Hilfe.“

Nachdem ich also bei diesem Plakat begonnen habe und dann innerhalb kurzer Zeit bei wirklich beunruhigenden christlichen und/oder nationalistischen Fundamentalisten aus Brasilien, Frankreich, Deutschland, Österreich, Polen und bei deren Netzwerken gelandet bin, bekenne ich mich reumütig der Sünde des Vorurteils und lasse umso lieber mein schlechtes Gewissen wegen meiner Abneigung gegen die Fänge des Katholizismus wieder fallen.

Es bleibt daher nur noch zu betonen, welche Freude einem Krakau auch bereiten kann. Darum vormerken:

26.4.2008: Marsch der Toleranz in Krakau
im Rahmen des Festivals „Kultur für Toleranz“ vom 24.-27.4.

http://www.tolerancja.org.pl/

(ursprünglich am 18.4.2008 verfasst)

Wieder einmal ist das Land von großer Aufregung erfasst. Unerbittlich stehen sich die Fronten in der Frage gegenüber, ob denn Telefonieren in öffentlichen Verkehrsmitteln erlaubt sein soll. Zu dieser notwenigen Diskussion hat man schnell eine Meinung, deshalb halte ich mit meiner auch nicht hinter dem Berg. Allzu sehr reiht sich dieses Thema in meinen Augen in eine Vielzahl aktueller Diskussionen zu Fragen nach dem Umgang mit dem öffentlichen Raum, beziehungsweise dem prinzipiellen Verhältnis zwischen privat und öffentlich. Beispiele dafür sind etwa die debattierten Rauchverbote, die Überwachungmechanismen wie Kameras oder diverse Identitätskontrollen, das Engagement der Bezirksrätin in der Wiener Inneren Stadt oder die Online-Fahndung. Der im 19. Jahrhundert erkämpfte private Raum konnte sich nie allgemein gültiger Grenzen sicher sein, doch die postmoderne Konsumgesellschaft hat sie endgültig aufgelöst. Das hatte auf der einen Seite schon immer mit dem Einsickern medialer Öffentlichkeiten zu tun, von Zeitungen angefangen, über Radio, Fernsehen, bis hin zum Internet. So ist Öffentlichkeit nicht nur immer schon Teil des Privaten, sondern sie findet auch von Anfang an ihren adäquaten Platz darin. Sei es die Frühstückzeitung am Esstisch oder der zentral positionierte Fernseher, der seine Funktion überhaupt erst erfüllen kann, wenn er möglichst weiträumig einsehbar wird. Mit dem Internet hat auch potentiell aktive Teilnahme an Öffentlichkeit seinen Platz in den eigenen vier Wänden bekommen, sozialer Austausch, Job, Konsum, Informationsbeschaffung und vieles mehr findet heute ganz selbstverständlich im „privaten“ Raum statt.

Um zum Thema zurückzufinden, suche ich den öffentlichen Raum auf. Dem Begriff liegt eine starke demokratische Komponente zu Grunde, nach welcher kein Ausschluss von Personen oder Stellungnahmen vorliegen darf. Doch auch hier handelt es sich um ein nie vollendetes Ideal, welches gegenwärtig womöglich weiter entfernt ist, als je zuvor. Schon lange fühlen sich viele Menschen durch den Anblick von unterschiedlichsten Gruppen wie Obdachlosen, Skateboardfahrern, Alkoholikern oder Rauchern belästigt. Deswegen ist ein Shoppingcenter auch ein Paradigma für einen zeitgemäßen öffentlichen Raum: unpolitisch, sauber, unterhaltend (Kaufen, Essen, Kino) und Freiraum (ähnlich einer Passage oder einem Korso) simulierend. Hier findet sich kein Mitglied der eben genannten Gruppen, dafür sorgen Wachleute und Kameras. Aber dass ein Großteil der Bevölkerung öffentlichen Raum genauso haben möchte, lässt sich an den anfangs aufgezählten Diskussionen erkennen. Die Widerstände gegen Überwachungskameras sind äußerst gering, „Sicherheit“ liegt schon derartig lang im Trend und lässt sich in fast jeder reaktionären Argumentation verwenden, dass der Verdacht nahe liegt, dass durch die Überwachung und Zugangskontrolle des öffentlichen Raumes eine Kompensation für den verlorenen – weil nie da gewesenen – Besitz des Privaten darstellt. Weil die privaten Räume von Öffentlichkeit durchflutet werden, nimmt die gesamte mediale Wirklichkeit von ihnen Besitz. Ohne Zufluchtsort versucht man das Sicherheitsbedürfnis durch die Ausdehnung von Überwachung und Reglementierung auf den öffentlichen Raum zu befriedigen. Dabei wird dieser nicht etwa zu einem Teil des privaten Raumes, im Gegenteil hält man die scheinheilige Trennung weiter aufrecht, nur, dass man nun die bürgerlichen Parameter des Privaten auch für den Begriff des Öffentlichen anlegt. Ruhe, Sauberkeit, Ordnung, Gesundheit, Status und Erfolg, die hart erkämpften Trophäen der Bürgerlichkeit und des Mittelmaßes sind heute die Eigenschaften des öffentlichen Raumes. Er fungiert als ein Salon des 21. Jahrhunderts, auf der einen Seite Eigentum des Wohnungsbesitzers (die diskursive Befehlsgewalt innehabend), auf der anderen Seite sozialer Treffpunkt und repräsentativer Schaukasten. Kein Platz für Delinquenten, kein Platz für andere Lebenswelten, kein Platz für die demokratische Komponente von Öffentlichkeit. Deswegen will man Raucher aus den Augen haben, deswegen vertreibt man Obdachlose und Punks aus den Zentren der Stadt und deswegen stört man sich an den (Kommunikations-) Welten anderer. Der öffentliche Raum ist notwendigerweise ein umkämpfter, doch diese Eigenschaft geht im Terror der Regulative verloren. Die Shopping Mall ersetzt die Agora, die gesellschaftliche und kulturelle Vielfalt soll immer noch durch den Trichter der Zivilisierung zum Mittelmaß werden.

Es kann nicht sein, dass man die technische Realität der Gegenwart zu verhüllen versucht mit dem Mantel eines Ideals, welches nie verwirklicht wurde. Man kann nicht von öffentlichem Raum sprechen, wenn man gleichzeitig die eigenen Vorstellungen davon zur verbindlichen Definition macht. Das Öffentliche und das Private waren nie fein säuberlich voneinander getrennt und werden es auch nie sein, der technisch-mediale Fortschritt, der gemeinsam mit dem neuzeitlichen Ideal des Privaten seinen Siegeszug antrat, war gleichzeitig von Anfang an sein Totengräber. Das zu akzeptieren, erfordert Toleranz gegenüber anderen Vorstellungen und Meinungen und würde zu einer Annäherung, einer Renaissance des demokratischen Impetus von Öffentlichkeit führen.

(ursprünglich am 13.4.2008 verfasst)