Wieder einmal ist das Land von großer Aufregung erfasst. Unerbittlich stehen sich die Fronten in der Frage gegenüber, ob denn Telefonieren in öffentlichen Verkehrsmitteln erlaubt sein soll. Zu dieser notwenigen Diskussion hat man schnell eine Meinung, deshalb halte ich mit meiner auch nicht hinter dem Berg. Allzu sehr reiht sich dieses Thema in meinen Augen in eine Vielzahl aktueller Diskussionen zu Fragen nach dem Umgang mit dem öffentlichen Raum, beziehungsweise dem prinzipiellen Verhältnis zwischen privat und öffentlich. Beispiele dafür sind etwa die debattierten Rauchverbote, die Überwachungmechanismen wie Kameras oder diverse Identitätskontrollen, das Engagement der Bezirksrätin in der Wiener Inneren Stadt oder die Online-Fahndung. Der im 19. Jahrhundert erkämpfte private Raum konnte sich nie allgemein gültiger Grenzen sicher sein, doch die postmoderne Konsumgesellschaft hat sie endgültig aufgelöst. Das hatte auf der einen Seite schon immer mit dem Einsickern medialer Öffentlichkeiten zu tun, von Zeitungen angefangen, über Radio, Fernsehen, bis hin zum Internet. So ist Öffentlichkeit nicht nur immer schon Teil des Privaten, sondern sie findet auch von Anfang an ihren adäquaten Platz darin. Sei es die Frühstückzeitung am Esstisch oder der zentral positionierte Fernseher, der seine Funktion überhaupt erst erfüllen kann, wenn er möglichst weiträumig einsehbar wird. Mit dem Internet hat auch potentiell aktive Teilnahme an Öffentlichkeit seinen Platz in den eigenen vier Wänden bekommen, sozialer Austausch, Job, Konsum, Informationsbeschaffung und vieles mehr findet heute ganz selbstverständlich im „privaten“ Raum statt.

Um zum Thema zurückzufinden, suche ich den öffentlichen Raum auf. Dem Begriff liegt eine starke demokratische Komponente zu Grunde, nach welcher kein Ausschluss von Personen oder Stellungnahmen vorliegen darf. Doch auch hier handelt es sich um ein nie vollendetes Ideal, welches gegenwärtig womöglich weiter entfernt ist, als je zuvor. Schon lange fühlen sich viele Menschen durch den Anblick von unterschiedlichsten Gruppen wie Obdachlosen, Skateboardfahrern, Alkoholikern oder Rauchern belästigt. Deswegen ist ein Shoppingcenter auch ein Paradigma für einen zeitgemäßen öffentlichen Raum: unpolitisch, sauber, unterhaltend (Kaufen, Essen, Kino) und Freiraum (ähnlich einer Passage oder einem Korso) simulierend. Hier findet sich kein Mitglied der eben genannten Gruppen, dafür sorgen Wachleute und Kameras. Aber dass ein Großteil der Bevölkerung öffentlichen Raum genauso haben möchte, lässt sich an den anfangs aufgezählten Diskussionen erkennen. Die Widerstände gegen Überwachungskameras sind äußerst gering, „Sicherheit“ liegt schon derartig lang im Trend und lässt sich in fast jeder reaktionären Argumentation verwenden, dass der Verdacht nahe liegt, dass durch die Überwachung und Zugangskontrolle des öffentlichen Raumes eine Kompensation für den verlorenen – weil nie da gewesenen – Besitz des Privaten darstellt. Weil die privaten Räume von Öffentlichkeit durchflutet werden, nimmt die gesamte mediale Wirklichkeit von ihnen Besitz. Ohne Zufluchtsort versucht man das Sicherheitsbedürfnis durch die Ausdehnung von Überwachung und Reglementierung auf den öffentlichen Raum zu befriedigen. Dabei wird dieser nicht etwa zu einem Teil des privaten Raumes, im Gegenteil hält man die scheinheilige Trennung weiter aufrecht, nur, dass man nun die bürgerlichen Parameter des Privaten auch für den Begriff des Öffentlichen anlegt. Ruhe, Sauberkeit, Ordnung, Gesundheit, Status und Erfolg, die hart erkämpften Trophäen der Bürgerlichkeit und des Mittelmaßes sind heute die Eigenschaften des öffentlichen Raumes. Er fungiert als ein Salon des 21. Jahrhunderts, auf der einen Seite Eigentum des Wohnungsbesitzers (die diskursive Befehlsgewalt innehabend), auf der anderen Seite sozialer Treffpunkt und repräsentativer Schaukasten. Kein Platz für Delinquenten, kein Platz für andere Lebenswelten, kein Platz für die demokratische Komponente von Öffentlichkeit. Deswegen will man Raucher aus den Augen haben, deswegen vertreibt man Obdachlose und Punks aus den Zentren der Stadt und deswegen stört man sich an den (Kommunikations-) Welten anderer. Der öffentliche Raum ist notwendigerweise ein umkämpfter, doch diese Eigenschaft geht im Terror der Regulative verloren. Die Shopping Mall ersetzt die Agora, die gesellschaftliche und kulturelle Vielfalt soll immer noch durch den Trichter der Zivilisierung zum Mittelmaß werden.

Es kann nicht sein, dass man die technische Realität der Gegenwart zu verhüllen versucht mit dem Mantel eines Ideals, welches nie verwirklicht wurde. Man kann nicht von öffentlichem Raum sprechen, wenn man gleichzeitig die eigenen Vorstellungen davon zur verbindlichen Definition macht. Das Öffentliche und das Private waren nie fein säuberlich voneinander getrennt und werden es auch nie sein, der technisch-mediale Fortschritt, der gemeinsam mit dem neuzeitlichen Ideal des Privaten seinen Siegeszug antrat, war gleichzeitig von Anfang an sein Totengräber. Das zu akzeptieren, erfordert Toleranz gegenüber anderen Vorstellungen und Meinungen und würde zu einer Annäherung, einer Renaissance des demokratischen Impetus von Öffentlichkeit führen.

(ursprünglich am 13.4.2008 verfasst)

7 Responses to “Der Schutz der Privatsphäre in der Öffentlichkeit vor dem Privaten oder: Das Handyverbotssommerloch”

  1. mark Says:

    ein schönes plädoyer für die vielfalt des öffentlichen raums. besonders interessant habe ich die these gefunden, dass der ‘verfall’ und die privatisierung des öffentlichen ihren ursprung (auch) im verschwinden des privaten haben, so habe ich das jedenfalls verstanden. gerade medien und technik spielen dabei ja eine paradoxe rolle. einerseits sind es der technische fortschritt und gestiegene wohlstand, die seit einiger zeit erst das bürgerliche familien- und privatheits-ideal für breite gesellschaftskreise in europa erreichbar machen. das längerfristige aufhalten (weniger personen) in künstlichen, geschlossenen räumen ist ohne technisch-mediale verbindung ‘nach draussen’ wohl nicht denkbar. andererseits werden unter anderem medien und wohlstand nun für die
    auflösung dieser ideale, oder zumindest ihrer verwirklichung verantwortlich gemacht. ich bin mir aber nicht sicher, ob man darin einen notwendigen totengräber des privaten sehen muss. gerade das handy scheint da so eine zweischneidige sache zu sein. natürlich trägt es bis zu einem gewissen grad das private ins öffentliche, und hat so eine reihe pessimistischer diagnosen und prognosen angeregt, was störungen des öffentlichen raums und öffentlicher interaktionen angeht, so wie zuvor etwa der walkman. auch größere überschneidungen von arbeits- und privatsphäre können
    sich durch die ständige erreichbarkeit ergeben. dabei wird die trennung der spähren zunehmend zum gegenstand individueller aushandlung für jeden einzelnen, und alte vorstellungen des privaten werden dabei infrage gestellt. gleichzeitig lässt sich im handy aber auch eine stärkung privater, persönlicher beziehungen in anonymen, bürokratischen massengesellschaften sehen. schließlich verbindet es personen, nicht orte, und findet gerade im privaten bereich die größte verwendung.

    was die verwendung des handys in öffis betrifft, so gibt es da eine nette sozialpsychologische untersuchung, derzufolge nur einseitig wahrgenommene gespräche von den mithörern unwillkürlich mehr aufmerksamkeit erfordern und damit eine größere belästigung darstellen, als ‘vollständige’ gespräche. wenn wir aber beginnen, gegen solche ‘belästigungen’ rechtlich vorzugehen, müssten hässliche gesichter und raumgreifende, zwei-sitzplätze-belegende ärsche als nächstes auf der liste stehen. meines wissens hat die grazer regelung ohnehin nur den charakter einer unverbindlichen empfehlung.

    in bezug auf die ‘ausgrenzung’ von rauchern denke ich, dass hier stärker auch noch andere, gesundheitliche bedenken hineinspielen. in jedem fall stehen aber auch sie im widerspruch zur propagierten klinisch-sauberen oberfläche. was mich hier stört sind eher die diskussionen auf
    gesundheitspolitischer ebene, die jede form der (subtilen) selbstzerstörung zur bloßen ineffizienz degradieren, und zu einer automatischen schädigung anderer umdefinieren. solidarität mit solchen abweichlern ist den selbst an
    keinerlei störungen leidenden ‘funktionierenden’ unmöglich, denn dies würde die eigene rolle ja in frage stellen. in dieser ist gesundheit nicht nur persönlicher fetisch sondern auch volkswirtschaftliches erfordernis. naja. soviel – und genug – von mir.
    freut mich übrigens wieder was von dir lesen zu können. aber warum eigentlich der blogwechsel?

  2. raumvermessung Says:

    ja, mir ist offenbar ein wenig fad in krakau, deswegen dieser neue drang zur pseudoanonymen selbstdarstellung. und weil ich mit dem alten blog nicht so zufrieden war, hab ich mich nach einem neuen umgesehen und worldpress find ich um einiges besser (mehr speicherplatz, keine werbung, größere optische gestaltungsmöglichkeiten und v.a. gibt es ausführliche statistiken, die man alle paar minuten aktualisieren kann, um zu sehen, ob und woher ein neuer besucher gekommen ist… damit kann man schon mal einen ganzen tag verbringen, wenn man sich vor wichtigerem drücken will).
    vielen dank im übrigen für dein kommentar. deiner expertise kann ich auch gar nicht viel entgegensetzen, dafür hab ich meinen text auch viel zu sehr aus einer laune herausgeschrieben (ich glaube, ein interview mit dem nagl in der zib war der auslöser, der bringt mich einfach zu weißglut, wenn ich ihn nur sehen muss). das thema öffentlicher vs. privater raum und der einfluss des technischen und medialen fortschritts war und ist tatsächlich sehr komplex, nicht zuletzt deswegen weil privat und öffentlich immer auch von bestimmten gesellschaftschichten definiert wurde. im 19. jahrhundert entsprach dies etwa auch der trennung der einflußsphären der geschlechter. heute kriminalisiert man randgruppen, um sie aus der öffentlichkeit ausschließen zu können. umgekehrt war privater raum nie etwas, das allen menschen zukam. und selbst wenn es ihn gab/gibt, so ist er medial von öffentlichkeit durchlöchert (da lehne ich mich etwas an paul virilio an, aber auch manche raumtheoretiker definieren medien als eigene varianten von räumen). die sache ist für mich wirklich nicht so recht klar. ich persönlich finde dieses durchmischen der verschiedenen sphären aber eh interessant.
    ein paar punkte deines kommentars fand ich besonders spannend, so kannte ich diese untersuchung über einseitige gespräche nicht. das erklärt natürlich schon einiges. aber wer weiß, vielleicht beobachtet man solche unterschiede noch heute, in einer zeit revolutionärer umwälzungen in der kommunikation, aber in einigen jahren ist es so selbstverständlich, dass es einem gar nicht mehr auffällt?
    auch gut fand ich die beobachtung, dass bei handys ja nicht mehr um die verbindung von orten, sondern personen geht. mit klassischen raumbegriffen kommt man hier einfach nicht mehr weit. ein gutes beispiel, dass privat/öffentlich tatsächlich komplexer gedacht werden muss.
    in der raucher-debatte sehe ich auch eine enge verquickung mit einem gesundheits-diskurs, der mich aber zum teil mit großem unbehagen erfüllt. es geht dabei nicht nur darum, dass der persönliche – auch schädliche – umgang mit dem körper moralisiert wird, sondern dass gesundheit überhaupt zum wichtigsten gesellschaftlichen ideal, zur neuen religion erhoben wird. gesundheit ist der parameter, an dem wert und moral eines menschen gemessen werden, krankheit wird – wie schon seit langer zeit auch der tod – aus dem gesellschaftlichen bewusstsein verdrängt (auch weil es als scheitern verstanden wird, auch moralisch). die verdrängung von rauchern aus öffentlichen räumen ist für mich teil dieses diskurses (erkennt man auch daran, mit wieviel emotion die diskussion geführt wird, als ob es tatsächlich um weltanschauliche grundsatzdebatten gehen würde) und weniger eine auseinandersetzung damit, wie man vernünftig mit den bedürfnissen beider seiten umgehen soll.
    auf jeden fall sind das alles schöne themen, die man noch ausführlich breittreten kann. freu mich schon, die diskussion mit dir bei zeiten fortzuführen.

  3. mark Says:

    deine nagl-abneigung kann ich gut verstehen und der grund dafür ist mir beim heutigen durchblättern des standard wieder in erinnerung gerufen worden. allerdings muss ich sagen, dass mir die aufregung dabei manchmal etwas künstlich erscheint. zumindest was seine diesbezügliche äusserung betrifft denke ich, dass man sie durchaus bona fide interpretieren kann. meines erachtens sind die durchschnittlichen physiologischen unterschiede zwischen männern und frauen, wie auch die differenzen hinsichtlich ihrer geschlechtlichen ausformung, biologische ‘tatsachen’ die es anzuerkennen gilt. frauen ist es nunmal nicht in einer den männern vergleichbaren weise möglich, ihr geschlechtliches gegenüber zu vergewaltigen, d.h. sich gegen den willen des anderen mit einer dem paarungsakt nachempfundenden handlung sexuelle lust zu verschaffen. dieser akt ist aus meiner sicht für die frau auch grundsätzlich ‘eindringlicher’ als für den mann. und daraus lassen sich natürlich auch psychische konsequenzen ableiten. kaum ein mann wird, des nachts in dunklen gassen, in vergleichbarer weise angst vor dem anderen geschlecht verspüren wie eine frau das unter umständen tut. die anerkennung dieser ’schwäche’ der frau (die natürlich die hier viel gravierendere schwäche des mannes hinsichtlich seiner eigenen selbstkontrolle nicht leugnet) scheint mir im kampf für die interessen der frauen nicht nur nicht hinderlich sondern notwendig zu sein. aber vor dem hintergrund der bisherigen aussagen von herrn nagl ist diese interpretation vermutlich zu harmlos, und er sucht vielmehr nach tieferliegenden (psychischen) schwächen des weiblichen geschlechts. mal sehen was die lisa ihm da weiterhin entgegenzuhalten hat.

  4. raumvermessung Says:

    dass der nagl für dieses biologistische modell empfänglich ist, überrascht mich ja nicht sonderlich. damit sieht er sein traditionelles gesellschaftsbild wieder bestätigt. und genau hier sehe ich auch das problem dieser aussagen. auch wenn wir von einem biologischen unterschied zwischen mann und frau ausgehen (auch wenn es wunderbare beispiele dafür gibt, dass der körper zu anderen zeiten ganz anders wahrgenommen wurde als heute und die “objektiven” geschlechtlichen unterschiede noch im spätmittelalter völlig anders gesehen wurden als heute… aber das nur nebenbei), so glaube ich nicht, dass sich daraus bestimmte machtverhältnisse ableiten lassen. die beziehungen zwischen mann und frau wurden mMn vor allem kulturell und diskursiv geformt, hatten vielleicht einmal ökonomische Gründe und haben sich über die zeit als eine der letzten essentiellen wahrheiten gehalten. eine rechtfertigung heutiger ungleichheit mit biologischen fakten ist nicht nur ein gefährliches spiel, sondern übersieht auch den kulturellen einfluß auf das geschlechterverhältniss. man muß dabei nicht gleich an matrilineare gesellschaften denken, es reicht auch schon, die unterschiedlichen ausformungen der mann-frau-beziehungen ansehen, die von spezifischen traditionen, politischer stabilität, dem grad der säkularisierung und wirtschaftsentwicklung usw. geprägt sind. die gegenwärtige und historische vielfalt lässt sich daher nicht auf eine einfache biologische bipolarität zurückführen. diese dient – wie in diesem fall – meist nur dazu, um persönlichen meinungen den anschein von wahrheit und objektivität zu geben. der körperliche unterschied zwischen mann und frau scheint mir daher maximal ein (kleiner) faktor von vielen zu sein, der eine wirkung auf das gesellschaftliche verhalten hat.
    soweit meine erinnerungen an das letzte gender studies seminar…

  5. mark Says:

    ich gebe dir natürlich absolut recht. sogenannte objektive tatsachen lassen sich stets kulturell umkodieren bzw. entstehen erst in dieser kodierung. unser gegenwärtiges (vielleicht zumindest schon ein bisschen bröckelndes) binäres geschlechterverständnis ist natürlich insofern kulturell mitgeprägt. ebenso gibt es zwischen biologie und kultur wechselwirkungen. somit stellt sich bei empirischen ergebnissen der kognitionsforschung (unterschiede hinsichtlich empathie, 3d-denken usw.) immer die frage, inwieweit diese eine folge bisheriger erfahrungen des individuums (und seiner vorfahren) sind. und ich denke auch, dass andere faktoren (etwa ökonomische) in der gegenwärtigen emanzipationsdebatte weit mehr beachtung finden sollten. essentialistische esoterik die sich ums einparken und zuhören dreht kann ich sowieso nicht mehr hören.
    trotzdem interessiere ich mich zur zeit halt ein bisschen für die anthropologische und humanethologische perspektive, und versuche zu sehen wie weit man die suche nach überkulturellen konstanten treiben kann. die tatsache, dass uns keine matriarchale gesellschaft bekannt ist, scheint mir eine solche erklärung zu verlangen. und hier habe ich eben das gefühl, dass physiologische tendenzen subtil einfluss nehmen können. eine gewisse männliche präpotenz, der patriarchale machtanspruch und die chance zu deren durchsetzung haben ihren ursprung meiner ansicht nach auch im (durchschnittlich) kräftigeren und größeren männlichen körperbau (ohne jetzt auf möglicherweise variierendes aggressionspotential einzugehen). wenn auch unbemerkt und unbewusst macht es vielleicht doch einen unterschied ob man auf den anderen ‘herab blickt’ (eine nicht grundlose doppeldeutigkeit?) oder nicht. schließlich ist für den ‘klassischen’ geschlechtsakt aus physiologischer sicht die bereitschaft des mannes auch in größerem maße erforderlich als die der frau. um es ganz plump auszudrücken: gelegenheit macht diebe.
    ich würde jedenfalls nicht leugnen wollen, dass die lange ‘frühphase’ des menschen, in der gruppenzusammenhalt und körperliche konstitution die wichtigsten garanten des überlebens darstellten, bis heute ohne spuren geblieben ist. auch diskurse finden nicht in einem vakuum statt. dabei steht aber natürlich außer frage, dass die heutigen erfolgsbedinungen nicht mehr den damaligen entsprechen. ebenso meine ich, dass der versuch einer erklärung der entstehung von verhaltensmustern nicht auch deren legitimation bedeutet. diese ist tatsächlich nicht nur ein gefährliches spiel, sondern wie mir scheint auch ein aussichtsloses.
    zu meiner verteidigung (oder belastung) muss ich aber sagen, dass ich meine gender-vorlesung nicht zu ende besucht habe, und derzeit offenbar ein bisschen von der soziologie enttäuscht nach ‘handfesterem’ ausschau halte. dennoch: der nagl ist nicht auszuhalten, da führt kein weg dran vorbei.

  6. raumvermessung Says:

    tja, der unverbesserliche konstruktivist in mir kommt manchmal ein wenig zu einseitig raus ;-)
    aber in wahrheit ist die sache für mich auch nicht so eindeutig und ich gehe natürlich auch nicht von einem radikalen diskursiven konstruktivismus aus. es erscheint mir nur häufig schwierig, eine genaue grenze zwischen kulturellen und biologischen einfluss feststellen zu können und dann schlage ich mich halt lieber auf die seite des ersteren. vor allem dann, wenn ich mich damit über leute wie den nagl aufregen kann.
    unterschiede im körperbau etwa haben bestimmt auswirkungen auf kulturelle handlungen (schwere arbeit, krieg …), da kann ich mir schon einiges vorstellen und bin ganz deiner meinung.
    nur noch eines, weil du gemeint hast, es gäbe/gab keine matriarchalen gesellschaften: einige kulturen werden durchaus als solche bezeichnet (wikipedia und der karl kaser von der historischen anthropologie machen das), auch wenn sie verschwindend klein sind und wahrscheinlich kein direktes äquivalent zu den bekannten patriarchaten darstellen. aber sie zeigen doch zumindest andere möglichkeiten des geschlechterverhältnisses auf, als die sonst für selbstverständlich geltenden.

  7. mark Says:

    danke für den hinweis bzgl. matriarchat. ich hab mal ein bisschen bei wikipedia geblättert, allerdings scheint es da einige abweichungen zwischen dem englischen und dem deutschen artikel zu geben. vielleicht wird der begriff im deutschen auch etwas weiter verwendet.
    diese grenzziehungen zwischen den disziplinen sind mir ja auch ein rätsel, aber andererseits oft auch das, was am interessantesten erscheint. gute reise zurück nach krakau übrigens, fallst nicht schon dort bist. langsam wird der blog hier auch für mich eine gute möglichkeit anstehender arbeit auszuweichen :)


Leave a Reply