Was wird das nächste Krakauer „In-Viertel“? Das ist eine Frage, die immer wieder zur Sprache kommt und ich denke, das hat zum einen damit zu tun, dass die Stadt innerhalb der vergangenen 20 Jahre einen echten Boom erfahren hat und davon gleich mehrere Wellen. So war es zuerst die Altstadt, welche aufwendig renoviert, touristisch wieder entdeckt und heute neben den kulturinteressierten Städtereisenden auch immer mehr partyfreudige Wochenendgäste anzieht. Parallel dazu wurde der Stadtteil Kazimierz als historisches Erbe jüdischer Kultur bekannt, nicht zuletzt forciert durch den teilweise hier gedrehten Film „Schindler’s Liste“. Gleichzeitig erwuchs aus einem dort ansässigen bzw. von dem Viertel angezogenen künstlerischen Milieu eine Kneipenszene, die sich als Alternative zum Stadtzentrum verstand, jedoch in den letzten Jahren ob ihrer Auswüchse auch unter Kritik geriet. Ein weiterer Faktor ist, dass Kazimierz einem Prozess der Gentrifizierung unterliegt, steigende Mietpreise verändern das soziale Gefüge des lange Zeit als gefährlich und unattraktiv geltenden Stadtteils. Die Kommerzialisierung des Raumes könnte über kurz oder lang seinen Charme der Authentizität mindern.

Auf der anderen Seite ist dies natürlich kein Sonderfall. In Berlin beispielsweise kann man den Wechsel „verruchtes Viertel – alternative Szene – attraktiver Bobo-Wohnort – Spießergegend“ immer wieder verfolgen. Neu-Köln könnte da ein nächster Kandidat sein und in Wahrheit warte ich nur auf Marzahn, bis ich dann wirklich nach Berlin ziehe.

Aber natürlich gibt es in dieser Frage kein wirklich funktionierendes Modell. Deswegen ist es im Falle Krakaus auch möglich, dass die Antwort auf die gestellte Frage noch eine Zeitlang auf sich warten lässt. Bisher galt immer Podgórze als Favorit und tatsächlich spricht einiges dafür. Dieser Stadtteil liegt recht attraktiv an der Weichsel, hat zwar keine allzu lange (seit 1784), dafür aber eine das Stadtbild prägende Geschichte. Bis zum 1. Weltkrieg eigenständig, hat Podgórze auch heute noch einen spürbaren eigenen Charakter. In den letzten Jahren als Wohnort für Studenten immer beliebter, hat es mit dem Manggha-Museum und bald mit der in der Schindler-Fabrik geplanten Samlung modernen Kunst auch seine Anziehungskraft auf den zeitgenössischen Kulturbetrieb bewiesen. Trotz dieser und noch anderer Tendenzen, haben sich die Prophezeiungen jedoch noch nicht bewahrheitet. Vielleicht liegt das Viertel auch schon etwas zu weit vom Zentrum entfernt?

Da hat der nächste Kandidat aber noch um einiges schlechtere Karten und zählt daher definitiv nur als Geheimtipp. Wobei, einen sehr eigenen Charakter kann man Nowa Huta nicht absprechen. Das „Geschenk Stalins“ an das konservativ-bürgerliche Krakau ist ein Beispiel sozialistischer Planarchitektur, erst unbeliebt wegen seines proletarischen und atheistischen Charakters und wegen der verschmutzen Luft aus dem riesigen Stahlwerk, erinnert man sich heute aber gerne an einen dortigen Kirchenbau und die Solidarność-Bewegung als Widerstandsakte gegen die ideologischen Bauherren. Der Blick auf das Viertel ist generell von Widersprüchen geprägt, so galt es zu nächtlicher Stunde als gefährlich und als Folge des wirtschaftlichen Wandels war Nowa Huta besonders von Arbeitslosigkeit betroffen. Auf der anderen Seite gewinnt der Stadtteil gerade deswegen durch billigere Mieten und eine zu weiten Teilen gute Qualität der Bausubstanz wieder an Attraktivität auch für Studenten. Dazu kommt, dass sich bedingt durch politische Förderungen neue Arbeitgeber ansiedeln, durch das aus Kazimierz abgewanderte Łaźnia-Theater wird auf eine bereits bestehende Theater-Tradition gesetzt und nicht zuletzt schwinden gerade bei den jüngeren Menschen mehr und mehr die lange geschürten Vorurteile gegen die Arbeiterstadt. Doch ob das reicht, „in“ zu werden, kann bezweifelt werden. Vielleicht alleine deswegen, weil Nowa Hute nicht nur real, sondern auch in den Köpfen noch immer zu weit weg vom „eigentlichen“ Krakau ist.

Wenn nun aber die Entfernung so ein wichtiger Faktor ist, wie wäre es mit Kleparz, nördlich direkt an das Zentrum anschließend? Auch hier gibt es eine lange eigene Geschichte, doch man spürt sie nicht mehr wirklich, vermutlich ist sie als noch unabhängige Stadt ein paar Mal zu oft zerstört worden. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ist Kleparz ein Teil Krakaus, ist tatsächlich zu einem Teil geworden. Was das Viertel trotzdem auszeichnet, ist – wie gesagt – die Nähe zur Altstadt und seine gleichzeitige Abgeschiedenheit von den Touristenströmen. Hier scheint man noch auf eine authentische polnische Kleinstadt zu treffen, mit dem belebten Marktplatz, den ruhigen Gassen, kleinen Geschäften. Wem sich das zu langweilig anhört, dem sei in Erinnerung gerufen, dass die Nähe zum Hauptbahnhof nicht nur historisch, sondern auch heute noch das älteste Gewerbe der Welt anzieht. Doch auch das scheint nicht zu helfen, Kleparz bleibt verschlafen und selbst wenn es einen Wandel erzwingen wollte, so glaube ich nicht recht, dass ihm das gelingen würde. Zwar weit davon entfernt, non-lieu zu sein, fehlt ihm dennoch jener sense of place, den Kazimierz, Podgórze und wohl auch Nowa Huta haben.

Womöglich hat der Boom in Krakau derzeit auch seine räumlichen Grenzen erreicht. Touristisches Wachstum ist nicht gleichbedeutend mit beschleunigtem stadtkulturellem Wandel und der traditionsbewusste urbane Habitus Krakaus ist nicht mit dem Berlins vergleichbar.


Literatur: Smagacz, Marta: Social changes in Krakow’s Kazimierz and the Ticinese District in Milan. Kraków 2008. Download hier.

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