Mit seinem 1967 gehaltenen Vortrag „Des espaces autres“ (dt.: Andere Räume, 1992) gilt Michel Foucault als Prophet einer Wiederentdeckung des Räumlichen für die Kultur- und Sozialwissenschaften, welche im Sinne eines Paradigmenwechsels häufig als „spatial turn“ bezeichnet wird. Er prägt darin zum einen den Begriff der Heterotopie, zum anderen postuliert er in der Einleitung einen Gegensatz zwischen dem 19. Jahrhundert und der Gegenwart, indem er einen Wandel von einer Vorrangstellung der Zeit zu einer des Raumes ausmacht. Mir kommt es nun auf diesen zweiten Punkt an, da ich zwar die Idee prinzipiell für recht plausibel halte, aber seinen Bezug zum 2. Hauptsatz der Thermodynamik nie richtig verstanden habe:

„Die große Obsession des 19. Jahrhunderts ist bekanntlich die Geschichte gewesen: die Entwicklung und der Stillstand, die Krise und der Kreislauf, die Akkumulation der Vergangenheit, die Überlast der Toten, die drohende Erkaltung der Welt. Im Zweiten Grundsatz der Thermodynamik hat das 19. Jahrhundert das Wesentliche seiner mythologischen Ressourcen gefunden. Hingegen wäre die aktuelle Epoche eher die Epoche des Raumes. Wir sind in der Epoche des Simultanen, wir sind in der Epoche der Juxtaposition, in der Epoche des Nahen und des Fernen, des Nebeneinander, des Auseinander. Wir sind, glaube ich, in einem Moment, wo sich die Welt weniger als ein großes sich durch die Zeit entwickelndes Leben erfährt, sondern eher als ein Netz, das seine Punkte verknüpft und sein Gewirr durchkreuzt.“

Der 2. Hauptsatz der Thermodynamik lautet wiederum nach Rudolf Clausius (1850):

„Es gibt keine Zustandsänderung, deren einziges Ergebnis die Übertragung von Wärme von einem Körper niederer auf einen Körper höherer Temperatur ist.“

bzw. in einer Ableitung:

„In einem geschlossenen adiabaten System kann die Entropie nicht abnehmen, sie nimmt in der Regel zu. Nur bei reversiblen Prozessen bleibt sie konstant.“ (Wikipedia)

Für mich als Laien bedeutet es schon einiges an Anstrengung, ungefähr zu verstehen, worum es dabei geht. Und noch schwieriger erschien es mir, einen Zusammenhang zu Foucaults Aussage herzustellen, vor allem auch deswegen, weil diese Gesetze erst Mitte des 19. Jahrhunderts formuliert wurden und auch später wohl nur sehr wenige Menschen etwas damit anfangen konnten. Wie kann dann der 2. Hauptsatz zum „Wesentlichen mythologischer Ressourcen“ werden?

Tatsächlich dürfte es aber so sein, dass die Zeit-Obsession des 19. Jahrhunderts durch den Begriff der Entropie versinnbildlicht, in einer Formel auf den Punkt gebracht wird. Foucault – indem er das Faible postmoderner Autoren für Physik und Technik teilt – sieht in der Entropie eine Metapher für Vorstellungen, welche schon lange vor Clausius vorherrschten. So schreibt etwa Hartmut Rosa (Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. 2005):

„Die Geburtsstunde der Moderne, so lässt sich mit einiger Plausibilität argumentieren, war die Emanzipation der Zeit vom Raum“ (61)

und weiter:

„mit Hobbes (und in der modernen Physik) schließlich gewinnt das Prinzip der Bewegung (als Freiheit) Vorrang vor der (aristotelischen) Ruhe.“ (62)

Hier ist nun der Bezug zur modernen Physik (und damit zur Thermodynamik) hergestellt und außerdem Foucaults Paradigmenwechsel von (der fließenden, fortlaufenden) Zeit zum (im historischen Kontext als unverändert geltenden) Raum in die Formel Bewegung vs. Statik übersetzt. In nachfolgenden Zitaten ist dann von der „Liebe zur Bewegung an sich“ (Friedrich Ancillon, 1823) die Rede oder von der bekannten marxschen Formulierung: „Alles Ständische und Stehende verdampft“ (1848).

Foucault hat natürlich auch anderes im Sinn und zwar jene Ideale und Mythen der Epoche, welche auf der Vorrangstellung von Zeit und Bewegung gegenüber Raum und Statik beruhten: die rasant wachsende Bedeutung der Geschichte (zur Legitimation von kollektiven Identitäten), das kategorische Schema zivilisiert/barbarisch, den Glauben an den Fortschritt oder den Geschichtstelos des Marxismus. Entropie als irreversible Bewegung stellt für Foucault offenbar die ideale Metapher für den Motor dieser historischen Weltbilder dar.

Soweit meine Erklärung für dieses Zitat, aber über weitere Vorschläge würde ich mich freuen.

4 Responses to “Thermodynamik und Foucault”

  1. timboson Says:

    Guten Tag, Herr… ich habe hier ihren Eintrag gefunden. Das ist wirklich ein sehr interessantes Problem, dass mich auch schon eine Weile beschäftigt.
    Es findet sich einiges Interessante in ihrem Artikel.
    Ich glaube, dass Foucauld hier irrt.
    Der Punkt ist, dass die geistige Geschichte des 19 Jahrhunderts irgendwie ein absolutes Rätsel ist. Schwer zu greifen. Sehr schillernd.
    Ins besondere im Gang der physikalischen Erkenntnisse und wenn man die einspiegelt in ein gesellschaftliches oder historisches Bewegungsmoment.
    (Aristoteles setzt übrigens nicht die Ruhe als Primär-Prinzip, sondern die Bewegung, die Rotation, das steht in seiner Metaphysik. Aber auch darüber wäre zu sprechen.)
    Es gibt im 19. Jahrhundert ein Missverhältnis zwischen einer Pragmatik, die enorm dynamisch ins technische und globale Ausgreifen sich hineinstreut. Da hat Foucauld allzu schnell deduziert, dies sei der zu sich gekommene 2. Hauptsatz. Im Prinzip könnte er hier richtig liegen, aber in Wirklichkeit speiste sich die Wucht der Dynamik des 19. Jahrhunderts aus der Idee der technischen Regulierung. Das hat Foucauld ja untersucht. Das Verrückte ist nun, dass die Idee der Regulation eigentlich immer gegen die Entropie als gegen den 2. Hauptsatz gesetzt wird. Um es anders zu sagen: Das 19. JAhrhundert verhielt sich gegenüber dem 2. Hauptsatz gegenüber historisch blind… Seine blinde Praxis hat den 2. HS. bestätigt. Aber mental und psychopolitisch denken Menschen bis heute eigentlich immer nur in geschlossenen Kreisläufen, soll heißen, im 1. Hauptsatz der Erhaltung. Puh aber das ist wirklich ein sehr verzwicktes Thema.
    Ich habe auf meiner Seite eine Betrachtung zu Thermodynamik der Blut-Hirn-Schranke eingestellt, falls sie mal Zeit haben. Diese Themen zu diskutieren – das ist sehr spannend.

  2. raumvermessung Says:

    Hallo,
    vielen Dank für den Kommentar und die Anregungen! Deinen Text über Thermodynamik der Blut-Hirn-Schranke würde ich gerne lesen. Wo kann ich ihn finden?
    Die ganze Frage ist auch für mich recht schwer zu fassen, erstens da das 19. Jahrhundert bzw. die Moderne ein in sich komplexer, wiedersprüchlicher, ständig Gegenreaktionen hervorrufender Prozess ist; zweitens weil ich als Nicht-Naturwissenschaftler nur an der Oberfläche solcher Theorien wie der Thermodynamik kratzen kann und schließlich, drittens, weil Foucault in diesem Zitat – und eigentlich überhaupt in seinen Arbeiten – wohl kaum eine allgemein gültige Feststellung treffen wollte.

    Ich glaube, worauf er wirklich hinaus wollte, beschreibe ich in meinem letzten Absatz. Oder wie ich es gerade auf dem Wiki-Artikel zur Thermodynamik gefunden habe: „Durch die theoretische Beschreibung spontan ablaufender Prozesse zeichnet der zweite Hauptsatz der Thermodynamik eine Richtung der Zeit aus, die mit unserer intuitiven Erfahrungswelt übereinstimmt“ Dieser intuitive Begriff von Zeit ist wiederum historisch konstituiert und fand seine Bedingungen in den allgemein der Moderne zugerechneten Phänomenen (die aber natürlich in unterschiedlichem Ausmaß auch schon weit vor dem 19. Jahrhundert aufgetreten sind). Er bedeutet im Wesentlichen jene Irreversibilität, wie sie im 2. Hauptsatz zum Ausdruck kommt und einen Gegensatz zur Newtonschen Physik darstellt.
    Tatsächlich ist es nun interessant, welche Rolle die Regulation dieser Prozesse angeht. Sie scheint einerseits eine Reaktion auf Beschleunigungserfahrungen zu sein; sie ist es jedoch andererseits auch, welche diese Erfahrungen mitverursacht hat (Regulierung passiert wesentlich durch eine Rationalisierung der Zeit). Klar ist jedoch, dass keine Regulierung Stillstand oder Reversibilität bewirken konnte und dass dieser fortschreitende, rationalisierbare Begriff von Zeit Eingang in praktisch alle menschlichen und gesellschaftlichen Lebensbereiche fand.

  3. timboson Says:

    Guten Tag:

    Den Artikel zur Blut-Hirn-Schranke können Sie hier lesen: Er ist, was die Fakten betrifft, weitgehend durchrecherchiert.

    http://timboso.wordpress.com/zur-thermodynamik-des-bewusstseins-philosophische-implikationen-der-blut-hirn-schranke/

    Der Punkt ist, dass der 2. Hauptsatz, wie sie richtig sagen, für die Irreversibilität steht, für die Zeit. Das ist ganz entscheidend. In meinem Artikel geht es darum, zu beschreiben, warum wir aber physisologisch anthropologisch sozusagen nur in „Zeitlosigkeiten“ kognitiv operieren können.
    Ich beschäftige mich schon eine Weile mit diesem Problem. Den Hintergrund hier zu klären, wäre gerade zu lang. Nur erstmal soviel:
    Der Punkt ist, dass der Informationsbegriff bis heute nicht gut geklärt ist.
    Und zum anderen: Der „Raum“ ist recht eigentlich immer ein Wirbel. Das heißt:
    Unser Einwohnen in Räumen, ist der Versuch, innerhalb der Irreversibilität der Zeit, eine Form zu etablieren. Deshalb sage ich Wirbel. Weil der Wirbel sowohl Form als auch Fluss ist.
    Das Dilemma oder vielmehr die anthropologische Grundgegebenheit ist die, dass unser Gehirn physisologisch vom 2. Hauptsatz abgeschirmt sein m u s s. Es befindet sich, vermittelt über die Blut-Hirn-Schranke in einem Fließgleichgewicht, also in einer Welt, in der, der „Raum“ über die Ebbe – und Flut-Bewegung, des Pulses, permanent widerholt wird. Wir können deshalb nicht einfach vorwärts denken.
    Das hat sehr tiefgehende Konsequenzen, auch philosophischer Art.
    Was wir als „Raum“ wahrnehmen – ist in Wirklichkeit aber immer „Oszillation,
    Raumherstellung.

    Hier irgendwo wäre anzusetzen, wenn man auch das Formenproblem von Cassierer nochmal mit dem heutigen Stand der Naturwissenschaft abgleicht. Vor allen Dingen mit dem Fließgleichgewicht… Formen sind Fließgleichgewichte….

    Noch einen schönen Tag….

  4. timboson Says:

    Huch , das Du nehme ich natürlich gerne an… viele Grüße


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