Irgendwo zwischen Kult, Abscheu und Verdrängen befindet sich ein Ort in Krakau, dessen Zukunft unklar ist und über dessen geschichtliche Kontextualisierung gesellschaftlich noch verhandelt wird. Das ehemalige Hotel Forum ist tatsächlich ein besonderer Ort, einerseits hervorragend am Ufer der Weichsel positioniert, die dortige Umgebung dominierend (vom Süden kommend „empfängt“ es die Reisenden, noch kurz bevor der Wawel zu sehen ist), andererseits kein Teil des offiziellen städtischen Gedächtnisses, (noch?) keine Station auf der Route der Reisegruppen. Stattdessen ist das Hotel tief in das kommunikative Gedächtnis der Einwohner Krakaus eingedrungen, jeder erinnert sich an bestimmte Ereignisse und Erlebnisse, assoziiert etwas mit diesem Bau. Egal, wie man zu ihm steht, er scheint jedenfalls Emotionen zu wecken, was man nicht zuletzt in diversen Internet-Foren (etwa hier) mitbekommt.

Die Geschichte des Hotels ist schnell erzählt. 1978 wurde mit dem Bau begonnen, zehn Jahre später wurde es als das damals modernste Hotel Polens eröffnet, ausgestattet mit den verschiedensten technischen Raffinessen.

Mit seinem Hallenbad, dem Casino und angeblich einem der besten Restaurants der Stadt galt es als ein Ort, wo sich die Welt traf und nicht nur die Crew von „Schindler’s Liste“ – mit Ausnahme von Spielberg selbst – stieg dort ab. Auch für Kongresse, Hochzeiten und andere Feierlichkeiten war das Forum ein beliebter Ort. Doch bereits 2002 wird das Hotel geschlossen, angeblich wegen Baumängel. Seitdem wurde es zwar noch für Studenten- und Schülerpartyevents genutzt, doch im Allgemeinen dient es nur mehr als gigantische Werbetafel und ist ansonsten seinem Verfall überlassen. War es früher ein zentraler gesellschaftlicher Treffpunkt, so wird man heute vom Gelände vertrieben, wenn man eine Kamera in der Hand hat.

Was nun genau mit dem Forum passieren soll, weiß niemand so recht. Vor einigen Jahren ging der Bau von der Hotelkette Orbis/Accor in den Besitz von Wawel-Imos über, diese Firma plant seitdem den Abriss des Gebäudes, um an dessen Stelle Apartments zu errichten. Doch bisher fehlte die Erlaubnis der Stadt, Gerüchten zufolge würde eine Demolierung den schräg gegenüber liegenden Wawel gefährden.

Diese Lage macht den Fall auch so brisant. Von Kritikern wird immer wieder beklagt, dass das Forum die urbane Landschaft zerstöre oder dass kein Gebäude höher sein dürfe als der Wawel. Direkt vis-à-vis liegt auch noch ein weiteres nationales „Pantheon”, das Paulinerkloster, genannt Skałka. In dieser Reihe nationaler Denkmäler steht also nun ein modernistischer Bau aus kommunistischen Zeiten und stört das imaginierte und idealisierte Bild der Stadt. Dabei gebe es einige Identifikations- und mentale Integrationsmöglichkeiten, abgesehen von den schon angesprochenen persönlichen Assoziationen. Interessant finde ich beispielsweise die familiären Bezüge des Architekten Janusz Ingarden. Nicht nur, dass sein Sohn Krzysztof Ingarden mit dem Manggha Museum an einem der spektakulärsten Bauten der Stadt betraut war, welches im Übrigen nicht weit entfernt vom Forum steht, doch auch sein Vater ist ein prominenter Name und zwar der bekannte polnische Philosoph Roman Ingarden, der während der sozialistischen Herrschaft beständig Schwierigkeiten mit seiner Berufsausübung hatte. Sein Sohn hingegen wirkte nicht nur am Hotel Forum mit, sondern war ebenso am Bau der sozialistischen Planstadt Nowa Huta beteiligt und ist daher mit Sicherheit zu den nachhaltigsten Architekten dieser Epoche – gerade für Krakau – zu rechnen. Dies gibt auch Prof. Władysław Stróżewski vom Gesellschaftlichen Komitee der Erneuerung der Krakauer Denkmäler (Społeczny Komitet Odnowy Zabytków Krakowa ) zu bedenken und fragt konkret, ob man das Hotel Forum nicht auf die Liste der Sehenswürdigkeiten setzten sollte. Dem hält der städtische Hauptarchitekt Andrzej Wyżykowski entgegen, dass für einen solchen Denkmkalschutz-Status zumindest ein Alter von 50 Jahren vonnöten ist und dass hier andere Bauten aus der sozialistischen Epoche wie das Hotel Cracovia oder das Kino Kijów eher einen Anspruch darauf hätten.

Doch der Umgang mit dem Erbe des Sozialismus ist generell schwierig in Polen und die häufige und so emotionale Ablehnung des Hotels rührt von diesen Konflikten, auch wenn andere Gründe vorgeschoben werden. Der Widerspruch zwischen persönlichen Bezügen zu diesem Ort und der fehlenden kollektiven Erzählung darüber lässt einen Spielraum für Phantasie und Spekulation. So kursieren Gerüchte über Grundstückspekulation, Mafia oder es herrscht Angst vor ausländischen Investoren. Als Eigentümer werden einmal die Stadt, dann der Staat, dann wieder ein internationaler Konzern vermutet. Auch wenn ein Abriss gewünscht wird, so fürchtet man einen neuen modernen – diesmal kapitalistischen – „Klotz“. Auf der anderen Seite bietet das Forum Raum für subjektive Aneignungen, wie sie die niederländische Künstlerin Monika Wiechowska in einer Fotoausstellung im Jahr 2006 vorstellte. Im Interview mit der Gazeta Wyborcza spricht sie davon, dass ihre Bilder keinen dokumentarischen Charakter haben, sondern emotionale Bezüge darstellen. Zwischen der Leere des Ortes und den psychedelischen Effekten der Ausstattung entsteht ein magischer Raum. Wäre dies nicht ein Bezugspunkt, mit dem an den Charakter der Stadt angeknüpft werden kann? Das geheimnisvolle oder “magische Krakau“ ist schließlich eines der Sujets, mit denen geworben wird. Oder liegen die letzten Hoffnungen für das Gebäude in seiner kommerziellen Verwertung als sozialistischer Nostalgie-Kitsch, wie es partiell Nowa Huta zu drohen beginnt? Könnte man das Hotel nicht einfach nur verrotten lassen, als ein Stachel im urbanen Körper der Stadt (ähnlich dem „Szkieletor“, siehe unten), der ein idealisiertes Geschichtsbild stört, für Verwirrung sorgt und zum Nachdenken anregt? Es wäre ein paradigmatischer Ort komplexen kollektiven Gedächtnisses und somit ein hybrider Gegenentwurf zu anderen oft homogenen lieux de memoiré. Wäre das nicht eine Chance für Krakau?

Leave a Reply