Die Papst-Flut
September 3, 2008
In Krakau wird ein Denkmal für den 2005 verstorbenen Papst Johannes Paul II gebaut. Die drei Meter (ohne Sockel) hohe Bronze-Statue soll am 16. Oktober anlässlich des 30. Jahrestages der Papstwahl auf dem Platz vor der Kathedrale auf dem Wawel enthüllt werden. Daran ist bei Gott nichts Ungewöhnliches, denn schließlich ist dies nicht das erste derartige Monument in der Stadt. Dennoch kam in den vergangenen Wochen eine Diskussion darüber auf, die sich vor allem daran entzündete, dass kein Wettbewerb erfolgte (das Grundstück ist in Besitz der Kurie, welche sich offenbar eine „endlose“ öffentliche Diskussion ersparen wollte), das Denkmal zu hoch und zu einfallslos wäre. Vor allem aber fürchtet man einen Eingriff in das bauliche Ensemble dieses mit historischer Bedeutung schwer beladenen Berges. Kann denn ein Hügel heiliger sein als der Papst? Dann wäre die wohl noch nicht endgültig ad acta gelegte Idee einer Aufschüttung eines solchen dem Oberhaupt der katholischen Kirche zu Ehren die ideale Form der Verehrung… Immerhin hatte das gerade in Krakau Tradition, wo man dies auch für die nationalen Helden Tadeusz Kościuszko und Józef Piłsudski tat. Jedenfalls mehren sich mittlerweile die Stimmen, die sich der besonders in Krakau grasierenden „pomnikomania“ („Denkmalmanie“) wiedersetzen wollen.

Wenn heutzutage der Eindruck entsteht, dass Denkmäler vorwiegend zur Erinnerung an Opfer durch die Nation errichtet werden, somit ein reflektiertes nationales Gedächtnis installiert wird, so lehrt der Blick auf die Staaten des ehemaligen Ostblocks häufig etwas Anderes. Hier wuchert die steinerne Erinnerung an nationale Helden an allen Ecken und Enden, wird der öffentliche Raum im Zuge eines Nachholens nationaler Identität von Denkmäler überflutet. Besonders schön sieht man dies tatsächlich an den Papst-Denkmälern in Polen. Ein eigener Wikipedia-Eintrag zeigt eine entsprechende Karte, welche bis Mitte 2005 230 Wojtyła-Figuren zählte, wobei sich die Zahl seitdem fast verdoppelte.

Wenn Denkmäler Ausdruck bestimmter Machtverhältnisse sind, wenn sie dazu dienen sollen, den Anspruch auf eine diskursive Führerschaft zu festigen, wenn sie die Vorrangstellung einer bestimmten Interpretation kollektiver Identität demonstrieren und durchsetzen wollen, was kann uns dann eine solche Karte erzählen? Hier zeigt sich eine religiöse Topographie in den Grenzen eines Nationalstaates. Je dichter die Streuung, desto stärker die Überblendung und Festigung des kirchlichen Machtsanspruches. Da nicht mit einem Abreissen der Skulpturen zu rechnen ist, sichert die Gemeinschaft der religiös-nationalen Heldenverehrer ihre dominante Rolle im öffentlichen Raum für die Zukunft ab. Eine kleine Industrie konnte sich dabei entwickeln, manch ein Bildhauer produziert Abbildungen des als Heiligen verehrten wie am (profanen) Fließband, wie etwa Czesław Dźwigaj, der fast 50 Papst-Denkmäler realisierte.
Natürlich bedeutet die Heroisierung Karol Wojtyłas einen polnischen Sonderfall, aber irgendwo sollte doch langsam die Erkenntnis keimen, dass ein pluralistischer und demokratischer Staat in einem immer stärker wahrnehmbaren globalen Kontext keine Statuen benötigt, um seine Bürger auf eine bestimmte Weltsicht einzuschwören. Dass religiöse und nationale Identitätspolitik so machtvoll agieren kann, ist dabei nur eine Sache, dass sie dabei auf das Gedächtnismedium des 19. Jahrhunderts zurückgreift und sich darin auch ästhetisch nicht unterscheidet, lässt mich zumindest hoffen, dass dem steinernen Massenprodukt bald ebenso wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, wie hierzulande. Sie wären dann einzig Monumente eines sinnentleerten Anspruches auf die Allgegenwart einer Ideologie.
Innere Räume auf dem Weißen Album
September 3, 2008
Eine CD-Rezension sechs Jahre nach der Veröffentlichung? Benötigen das Eindringen und das Erkennen dieses Albums so lange Zeit? Blödsinn! Ich habe mir das weiße Album von Tocotronic aus dem Jahr 2002 bloß zum ersten Mal seit Langem wieder angehört und offenbar bin ich seitdem sensibler für Textpassagen mit räumlichen Metaphern geworden. Plötzlich schien es mir, als würde Dirk von Lowtzow nur mehr von Orten und (Zwischen-) Räumen singen, von Wegen, Labyrinthen, ganzen Welten. Es sind meist Räume außerhalb der materiellen Alltagswelt, eher Tagträume, rauschhafte Imaginationen. Manchmal ähneln sie Berichten von Halluzinationen durch Drogenkonsum, wie in Free Hospital:
In den Adern des Holzes sehe ich Gesichter
Das Ticken der Wanduhr ist wie ein Lied
Die Dinge um mich bilden ein Muster
Das mich unbeweglich umgibt
In diesen Räumen liegt sichs bequemer
Als irgendwo anders zuvor
Alles um mich wird angenehmer
Ich habe ein leises Summen im Ohr
Doch Rausch ist nur ein – meist moralisierend – verwendeter Unterbegriff für Weltsicht im Allgemeinen, eine subjektivere Form des Ordnens von Wahrnehmung. Zwar lässt er sich als eine mögliche Reaktion auf die Überforderung des Wahrnehmungsapparates bezeichnen und damit als eine Art Flucht vor der Realität. Doch damit sieht man sich dem Problem einer essentialistischen Definition von Realität gegenüber und angesichts der Allgegenwart von „technischen Prothesen“ (Paul Virilio) und ihren die Wahrnehmung verändernden Geschwindigkeiten wäre der Rausch nicht mehr Flucht vor sondern vielleicht schon in die Realität. Im übrigen deuten die Texte des Albums nicht auf allzu große subjektiv empfunde Belastungen hin. Was sie beschreiben, sind vielmehr innere Räume als Ausdruck des Seelenlebens:
Dringlichkeit besteht immer
Alles flimmert
In den eigenen vier Wänden
Im Träumen verwandeln sich Raum und Zeit in eine neue Welt. Sie ist nicht weniger real, sie sind lebendig, projizieren jedoch das Innenleben nach Außen.
Auf dem Weg näher zu Dir
Gehe ich durch eine Tür
Die den Umriss von uns beiden hat
Und alles was ich denken kann
Liegt fern von jenem Ort
Und dann wird alles seltsam glatt
(„Näher zu dir“)
Vor uns liegt eine Spur der wir folgen
Nur wir kommen nie sehr weit[…]
Die Wirklichkeit hat uns vereint
Trennt uns wieder vor der Zeit(„Das böse Buch“)
Die alltäglichen Definitionen von Raum und Zeit gehen hierbei verloren. Sie können noch als Metaphern verwendet werden, um das Nichtsagbare darzustellen, doch es gibt keine statischen Dimensionen mehr, keine Naturgesetze. Hier offenbart sich ganz nebenbei das Problem jeglicher Darstellung von Räumen, die über die euklidische Geometrie hinausgehen. Häufig lassen sie sich mathematisch beschreiben, manchmal grafisch abstrahierend. Doch stets ist es schwierig, sie in Worte und Sätze zu fassen. Unser räumliches Vokabular beschränkt sich weitgehend auf den dreidimensional eingelernten Alltagsraum. Da wir jedoch darauf angewiesen sind, bleibt uns oft nichts anderes übrig, als seinen Wortschatz metaphorisch, im übertragenen Sinne zu verwenden.
Die Relationalität gelebter Räume (David Harvey) lässt sich ganz gut erfassen, wenn man an den Prozess des Aufwachens denkt. Man gleitet von einer Welt in die andere, ohne den Ort zu wechseln. Diesen Übergang beschreiben auch Tocotronic in „Schatten werfen keine Schatten“:
Manchmal wenn wir liegen
In einem Zustand des Erwachens
Zwischen Nacht und Tag
Dann müssen wir fast lachen
Über den Umkreis dieser unheimlichen Sachen
Über die Blitze der Erinnerung
Die wie um uns zu dem zu machen
Was wir heute sind uns so umfahren
So wie diese hellen Strahlen
Dieser liminale Raum des Erwachens mit seinen „Blitzen der Erinnerung“ ist selten so schön beschrieben worden wie von Marcel Proust:
Wenn ich jedenfalls in dieser Weise erwachte und mein Geist geschäftig und erfolglos zu ermitteln versuchte, wo ich war, kreiste in der Finsternis alles um mich her, die Dinge, die Länder, die Jahre. Noch zu steif, um sich zu rühren, suchte mein Körper je nach Art seiner Ermüdung sich die Lage seiner Glieder bewusst zu machen, um daraus die Richtung der Wand, die Stellung der Möbel abzuleiten und die Behausung, in der er sich befand, zu rekonstruieren und zu benennen. Sein Gedächtnis, das Gedächtnis seiner Seiten, seiner Knie und Schultern bot ihm nacheinander eine Reihe von Zimmern, in denen er schon geschlafen hatte, an, während rings um ihn die unsichtbaren Wände im Dunkel kreisten und ihren Platz je nach der Form des vorgestellten Raumes wechselten. (Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. In Swanns Welt. Frankfurt/Main 1997. 12f)
Zum Abschluss noch einmal ein Zitat aus „Näher zu dir“, in welchem nicht nur Foucaults Idealtypus eines Ortes als Utopie und Heterotopie – der Spiegel – auf den Punkt gebracht wird, sondern dieser sofort wieder herausgerissen wird aus den Dimensionen, um ihn den inneren Räumen einzuordnen:
Hinter der Oberfläche dieser Spiegelfläche
Sehen wir uns da wo wir nicht sind
Im Augenblick kehren wir dorthin zurück
Wo unser Schicksal uns bestimmt
Texte stammen von: http://www.tocotronix.de


