Die Vermessenheit des Raumvermessers
Oktober 25, 2009
Ja, ich gebe es zu. Bei der Wahl des Titels meines Blogs wurde ich von Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“ inspiriert. Darin wird anhand der beiden Protagonisten – Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt – auf recht anschauliche Art und Weise der Zusammenhang zwischen Raum und Rationalität durchdekliniert. Die beiden vermessen die Landschaften, berechnen die Räume, kartographieren und rationalisieren sie. Sie erobern, schaffen und ordnen Räume.
„Linien gebe es überall, sagte Humboldt [zu Pater Zea von der Jesuitenmission am Orinoco]. Sie seien eine Abstraktion. Wo Raum an sich sei, seien Linien.
Raum an sich sei anderswo, sagte Pater Zea.
Raum ist überall!
Überall sei eine Erfindung. Und den Raum an sich gebe es dort, wo Landvermesser ihn hintrügen.“ (115)
So wird nicht zuletzt die Kontrolle und Besitznahme von Räumen ermöglicht:
„Niemand reise um die halbe Welt, um Land zu vermessen, das ihm nicht gehöre.“ (71; der Abt der Chaymas-Mission wundert sich über Humboldt)
Die beiden schrulligen Helden in Kehlmanns Pseudobiographie sind noch größtenteils überzeugt von der Richtigkeit ihres Tuns, von ihrem Anteil am Prozess des zivilisatorischen Fortschritts. Weit unsicherer ist die Position des Landvermessers etwa 100 Jahre später – zumindest aus der Perspektive Franz Kafkas in seinem Roman „Das Schloss“. Die Ausübung dieses Berufes wird darin schlichtweg verunmöglicht. Der Raum lässt sich nicht vermessen, seine symbolische Ordnung ist diffus, die Wege gehen in die Irre. Diese paradoxe Situation hat den Kulturwissenschaftler Joseph Vogl einige Fragen aufwerfen lassen:
„Ist er [K.] als ‚Landstreicher‘ oder ‚Landvermesser‘ da? Und lässt sich das ‚Vermessen‘ des Lands, das niemals geschieht, als Messen oder Ver- bzw. Fehlmessen oder schlicht als Vermessenheit begreifen?“[i]
Ich meine nun, dass diese Fragen nicht nur zu Kafkas K. gestellt werden können oder an die beiden Aufklärer Humboldt und Gauß gerichtet sind, sondern ebenso meine eigene Tätigkeit betreffen. Sie sollen als Motto dieses Blogs gelten. Denn das, was hier als Raumvermessung bezeichnet wird, ist immer schon ein Spiel mit dem Vorläufigen, ein wohlkalkuliertes Scheitern. Sprachlich vermesse ich meine Räume und diese Sprache soll dabei die immanente Vermessenheit kaschieren. Doch an dieser Stelle möchte ich dazu stehen: Ich kann mit der Bezeichnung „Landstreicher“ gut leben. Ich gestehe mein Vermessen als ein vermessenes Fehlmessen ein. Aber – damit bin ich ja zum Glück nicht allein: Jeder Raumvermesser scheitert fortwährend – und sei es wegen der Nichtexistenz eines neutralen objektiven Raumes.
[i] Vogl, Joseph: Über das Zaudern. Zürich, Berlin 22008. S. 86.
