Kaczyński, der Wawel und der Kampf um die Ehre der Nation

April 16, 2010

Der Schock hielt einige Tage an und schien ganz Polen zu vereinen. Das Ausmaß der Katastrophe von Smolensk, die Prominenz der Opfer und die Erinnerung an das Massaker von Katyn erzeugte Fassungslosigkeit, Trauer und Solidarität unter der Bevölkerung. Der pietätlose österreichische Beobachter vermeint hier sofort eine Parallele zum Tod Jörg Haiders im Oktober 2008 zu erkennen. Auch damals musste man lange auf eine kritische Würdigung des Verstorbenen warten und war zumindest irritiert über die Anerkennung und Zuneigung, die ihm posthum kollektiv entgegengebracht wurde. Dies gipfelte in der politischen Instrumentalisierung seiner Gefolgsleute mit dem Versuch einer Sakralisierung in Form eines eigenen Museums – welches in einem ehemaligen Nazi-Schutzstollen untergebracht wurde, was geschmacklos, aber auch irgendwie passend war. Sollten sich die Spekulationen bewahrheiten, dass die Piloten der Tupolew-154 auf Anweisung von oben den verheerenden Landeanflug unternommen hatten, dann wäre dies nur eine weitere Parallele zum unverantwortlichen und selbstmörderischen Verhalten Haiders. Dass die Wolken aus Vulkanasche aus Islands Eyjafjalla, die möglicherweise die Trauerfeier begleiten könnten, das Analogon zur Kärntner Sonne ist, die einst vom Himmel gefallen war, wäre dann aber doch eine entschieden zu freimütige Interpretation.

Ich wollte eigentlich auch auf etwas ganz anderes hinaus. In Polen hat sich nämlich gezeigt, was die Massen fast noch mehr bewegt als die Ehrfurcht vor dem Tod – nämlich die Symbole der Nation. Als die Pläne bekannt wurden, den verunglückten Präsidenten Lech Kaczyński und seine Frau Maria in der Krypta unter der Kathedrale am Krakauer Burghügel Wawel zu beerdigen, begann sich sofort der Protest zu regen. Inmitten der polnischen Könige und Helden, in unmittelbarer Nähe zu Józef Piłsudski und überhaupt an einem so geschichtsträchtigen und symbolisch aufgeladenen Ort wie dem Wawel – das kam Kaczyński in den Augen vieler nun doch nicht zu.

Die sich seitdem entsponnene Debatte offenbart deutlich das immer schon bestehende Problem einer Kanonisierung in Form eines Pantheons, wie es der Wawel für Polen seit dem 19. Jahrhundert war. Die Erstellung einer Liste würdiger und kollektiv verbindlicher Namen ist stets von gesellschaftlichen Machtstrukturen durchdrungen. Genau dies wird auch dem Bruder des Präsidenten, Ex-Ministerpräsidenten Jarosław Kaczyński, vorgeworfen, der durch die Kanonisierung des Verunglückten politisch profitieren könnte. Doch auch abgesehen davon ist die homogene Akzeptanz eines Pantheons eine national verbrämte Illusion. Beispiele für Kontroversen und Widerstände bei Versuchen der Kanonisierung gibt es auch in Polen zuhauf. Erinnert sei dabei nur an die Ablehnung seitens kirchlicher Vertreter gegenüber einer Grablegung des Dichters Henryk Sienkiewicz am Wawel und ebenso bei Piłsudski. In der jüngeren Vergangenheit gab es die Debatten um den Tod des Literaturnobelpreisträger Czesław Miłosz, als sich diesmal klerikal-nationalistische Stimmen dagegen aussprachen, ihn in der Krypta des Paulinerklosers auf der Krakauer Skałka (dem zweiten Pantheon der Stadt) zu beerdigen. Dieser Ort wurde übrigens 1880 nicht zuletzt deswegen geschaffen, weil angesichts der Fülle an national würdigen Personen, die sich jedoch in ihrer Bedeutsamkeit unterschieden, mehr Platz für eine adäquate Verehrung nötig wurde, wodurch gleichzeitig eine Hierarchie verschiedener Pantheons entstand. Vor einer ähnlichen Situation könnte Krakau auch heute stehen. Erste Vorschläge für ein weiteres Pantheon wurden bereits gemacht, sei es unter der Peter-und-Paul-Kirche (wofür es offenbar schon Pläne gibt) oder sei es in unmittelbarer Nähe von Wawel und Skałka, jedoch auf der anderen Seite der Weichsel, wodurch sich dieser Ort nicht mehr im monarchistischen Kontext der Altstadt, sondern in einem moderneren räumlichen Umfeld befinden würde – symbolisch passender als Ausdruck der demokratischen Gegenwart, wie es die linke Wochenzeitung Przekrój vorschlägt.

Hier zeigt sich anschaulich, wie sehr die Debatte von nationalen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts durchdrängt ist. Denn erst in diesem Kontext erlangte die Idee des Pantheons jene noch heute verhandelte Bedeutung und Verbindlichkeit. Wer erwartet hatte, dass in der Gegenwart solche Muster kollektiver Sinnstiftung obsolet geworden sind, wird gerade eines besseren belehrt. Interessanterweise wird dies besonders durch die Widerstände gegen die Beerdigung Kaczyński am Wawel augenscheinlich. Auf den ersten Blick ist es nur zu verständlich, dass man dagegen auftritt, einem gelinde gesagt so umstrittenen Politiker diese Ehre zuteil werden zu lassen. Doch entscheidend ist, dass ein Platz am Wawel auch und gerade für die Gegner eine Ehre bedeutet, dass dies ein Ort von solch großer Bedeutung, von einer Quasi-Sakralität ist, dass ein Missbrauch der Verletzung eines heiligen Tabus gleichkommt. Es ist die Ehre der Nation, die auf dem Spiel steht und um welche symbolisch gekämpft wird.

Ein weiterer Hinweis auf die nationale Bedingtheit der Debatte ist auch eines der Argumente gegen die Pläne einer Grablegung am Wawel. So wird immer wieder betont, dass es vor allem die räumliche Nähe zu Piłsudski ist, die inakzeptabel sei. Denn mit der räumlichen wird auch eine Gleichstellung der Bewertung vollzogen und eine solche scheint für die meisten kritischen Kommentatoren unannehmbar zu sein. So wird Piłsudski unantastbar und eine längst fällige öffentliche Auseinandersetzung mit seiner Person – sei es über seine autoritäre und undemokratische Amtsführung oder seine Politik gegenüber den ethnischen Minderheiten im Polen der Zwischenkriegszeit – rückt in weite Ferne.

Vielleicht ist die Hoffnung auf eine solche Debatte aber sowieso nur Illusion. Erst kürzlich wurde in Krakau ein monumentales Denkmal dieses polnischen Helden errichtet. Die Stadt gefällt sich in der Rolle eines Ortes der nationalen Ehrerbietung und wird dies in den kommenden Tagen ein weiteres Mal zeigen. Die Vorbereitungen für das Begräbnis sind im vollen Gange und mit dem geplanten Ablauf werden ein weiteres Mal gut eingeübte Traditionen des 19. Jahrhunderts aktualisiert. Auch diesmal wird sich die politische Prominenz mit den internationalen Gästen in der Marienkirche versammeln, während das Volk in Massen auf den zentralen Plätzen und Straßen eine dekorative Staffage abgeben wird. Der Trauerzug wird über die Grodzka-Straße auf den Wawel führen und damit jenem Königsweg folgen, der zum Standardrepertoire jeder nationalen Manifestation gehört. Zur verbindlichen Trauerstimmung sollen Alkohol- und Handyverbot (aus Sicherheitsgründen!) beitragen. Auch die obligaten Straßenumbenennungen werden bereits angedacht. Betrachtet man also diese Debatten und Rituale, so bleiben im 21. Jahrhundert die Großbildleinwände im öffentlichen Raum der Stadt die einzige Innovation, die in den letzten 150 Jahren eingeführt wurde.

One Response to “Kaczyński, der Wawel und der Kampf um die Ehre der Nation”


  1. [...] 14, 2010 Es gibt noch einen Nachtrag zu meinem letzten Eintrag. Eigentlich war das Thema des Flugzeugabsturzes bei Smoleńsk für mich bereits abgeschlossen. Der [...]


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