Es gibt noch einen Nachtrag zu meinem letzten Eintrag. Eigentlich war das Thema des Flugzeugabsturzes bei Smoleńsk für mich bereits abgeschlossen. Der Wawel beheimatet mit Lech Kaczyński einen weiteren Helden, geistigen König oder so etwas ähnliches, sein Bruder holt in den Umfragen zur Präsidentenwahl langsam auf und wird wohl trotzdem nicht gewinnen, die Medien berichten weiterhin sofort, wenn weitere Gesprächsbruchstücke aus der Black Box von den Behörden für die Öffentlichkeit freigegeben werden und das Internet wurde zur Spielwiese von sich gegenseitig zu übertrumpfen versuchenden Verschwörungstheoretikern.

Das alles ist mäßig spannend. Und das zeigte sich auch bei einem Vortrag zu diesem Thema am 9.6. an der Uni Wien, wo sich gerade eine Handvoll Interessierter einfand. Die Referentin Marta Jas-Koziarkiewicz vom Institut für Journalistik und Politikwissenschaften der Uni Warschau analysierte darin die Berichterstattung der polnischen Massenmedien. Zuerst widmete sie sich den Sonderausgaben der Tageszeitungen. In den Schock über die Katastrophe mischten sich da bereits parteipolitische und nationale Intentionen, wenn beispielsweise die Rzeczpospolita Kaczyński als den besten Präsidenten der 3. Republik bezeichnete und implizit zum Ausdruck brachte, dass die PiS die wahren Patrioten des Landes sind. In Polska. The Times wurde der Präsident zum Helden, Gazeta Wyborcza und Dziennik. Gazeta Prawna stellten sofort die Assoziation mit dem Massaker von Katyń her. Manches davon trat in den nachfolgenden Tagen wieder in den Hintergrund, es dominierte bald die Frage nach dem passenden Ort der Bestattung und dann die Diskussionen um die Ursache des Unglücks (Verschwörungstheorien und Anschuldigungen an Russland inklusive).

Das Interessanteste dieses Vortrags war wohl die anschließende Diskussion. Zuerst wurde dabei die Rolle der Kirche angesprochen. Bezeichnet war schon die Anzahl der beim Absturz getöteten Priester (11 oder 12?). Ein ganz schön hoher Prozentsatz jedenfalls für eine politische, auch historische, vielleicht nationale Veranstaltung. Der Einfluss der Kirche zeigte sich auch bei der Entscheidung für die Krakauer Königsgräber als letzte Ruhestätte Kaczyńskis. Jas-Koziarkiewicz wies aber auch darauf hin, dass Priester überproportional häufig in den Medien zu Wort kamen. Dort agierten sie als Experten für Alles und äußerten sich zu Fragen der Ethik, der Politik, der Nation, der Flugzeugtechnik und zu was auch immer.

Bezeichnend waren aber auch Reaktionen auf Fragen aus dem Publikum. So kam etwa die Überlegung, ob nicht die Gegner einer Wawel-Beerdigung ähnlich national argumentiert hätten wie die Befürworter, da es ja auch ihnen um die Würde dieses Ortes gegangen sei. Doch die Möglichkeit, auch außerhalb des nationalen Diskurses an der Debatte teilzunehmen, schien selbst für die sympathische Vortragende nicht denkbar zu sein. Als dann die Frage zugespitzt wurde, dass das Argument, Kaczyński sei nicht würdig genug, neben Piłsudski zu liegen, jegliche kritische Betrachtung des polnischen Staatsgründers massiv erschweren dürfte, regte sich sofort Widerstand im Publikum. „Man solle nicht seine Politik nach 1918 betrachten“, meinte ein junger polnischer Zuhörer. Und ich dachte mir: Genau das ist doch das Problem. Heldenkult und nationaler Diskurs sind der Tod der Wahrheit.

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