Der Schutz der Privatsphäre in der Öffentlichkeit vor dem Privaten oder: Das Handyverbotssommerloch
April 25, 2008
Wieder einmal ist das Land von großer Aufregung erfasst. Unerbittlich stehen sich die Fronten in der Frage gegenüber, ob denn Telefonieren in öffentlichen Verkehrsmitteln erlaubt sein soll. Zu dieser notwenigen Diskussion hat man schnell eine Meinung, deshalb halte ich mit meiner auch nicht hinter dem Berg. Allzu sehr reiht sich dieses Thema in meinen Augen in eine Vielzahl aktueller Diskussionen zu Fragen nach dem Umgang mit dem öffentlichen Raum, beziehungsweise dem prinzipiellen Verhältnis zwischen privat und öffentlich. Beispiele dafür sind etwa die debattierten Rauchverbote, die Überwachungmechanismen wie Kameras oder diverse Identitätskontrollen, das Engagement der Bezirksrätin in der Wiener Inneren Stadt oder die Online-Fahndung. Der im 19. Jahrhundert erkämpfte private Raum konnte sich nie allgemein gültiger Grenzen sicher sein, doch die postmoderne Konsumgesellschaft hat sie endgültig aufgelöst. Das hatte auf der einen Seite schon immer mit dem Einsickern medialer Öffentlichkeiten zu tun, von Zeitungen angefangen, über Radio, Fernsehen, bis hin zum Internet. So ist Öffentlichkeit nicht nur immer schon Teil des Privaten, sondern sie findet auch von Anfang an ihren adäquaten Platz darin. Sei es die Frühstückzeitung am Esstisch oder der zentral positionierte Fernseher, der seine Funktion überhaupt erst erfüllen kann, wenn er möglichst weiträumig einsehbar wird. Mit dem Internet hat auch potentiell aktive Teilnahme an Öffentlichkeit seinen Platz in den eigenen vier Wänden bekommen, sozialer Austausch, Job, Konsum, Informationsbeschaffung und vieles mehr findet heute ganz selbstverständlich im „privaten“ Raum statt.
Um zum Thema zurückzufinden, suche ich den öffentlichen Raum auf. Dem Begriff liegt eine starke demokratische Komponente zu Grunde, nach welcher kein Ausschluss von Personen oder Stellungnahmen vorliegen darf. Doch auch hier handelt es sich um ein nie vollendetes Ideal, welches gegenwärtig womöglich weiter entfernt ist, als je zuvor. Schon lange fühlen sich viele Menschen durch den Anblick von unterschiedlichsten Gruppen wie Obdachlosen, Skateboardfahrern, Alkoholikern oder Rauchern belästigt. Deswegen ist ein Shoppingcenter auch ein Paradigma für einen zeitgemäßen öffentlichen Raum: unpolitisch, sauber, unterhaltend (Kaufen, Essen, Kino) und Freiraum (ähnlich einer Passage oder einem Korso) simulierend. Hier findet sich kein Mitglied der eben genannten Gruppen, dafür sorgen Wachleute und Kameras. Aber dass ein Großteil der Bevölkerung öffentlichen Raum genauso haben möchte, lässt sich an den anfangs aufgezählten Diskussionen erkennen. Die Widerstände gegen Überwachungskameras sind äußerst gering, „Sicherheit“ liegt schon derartig lang im Trend und lässt sich in fast jeder reaktionären Argumentation verwenden, dass der Verdacht nahe liegt, dass durch die Überwachung und Zugangskontrolle des öffentlichen Raumes eine Kompensation für den verlorenen – weil nie da gewesenen – Besitz des Privaten darstellt. Weil die privaten Räume von Öffentlichkeit durchflutet werden, nimmt die gesamte mediale Wirklichkeit von ihnen Besitz. Ohne Zufluchtsort versucht man das Sicherheitsbedürfnis durch die Ausdehnung von Überwachung und Reglementierung auf den öffentlichen Raum zu befriedigen. Dabei wird dieser nicht etwa zu einem Teil des privaten Raumes, im Gegenteil hält man die scheinheilige Trennung weiter aufrecht, nur, dass man nun die bürgerlichen Parameter des Privaten auch für den Begriff des Öffentlichen anlegt. Ruhe, Sauberkeit, Ordnung, Gesundheit, Status und Erfolg, die hart erkämpften Trophäen der Bürgerlichkeit und des Mittelmaßes sind heute die Eigenschaften des öffentlichen Raumes. Er fungiert als ein Salon des 21. Jahrhunderts, auf der einen Seite Eigentum des Wohnungsbesitzers (die diskursive Befehlsgewalt innehabend), auf der anderen Seite sozialer Treffpunkt und repräsentativer Schaukasten. Kein Platz für Delinquenten, kein Platz für andere Lebenswelten, kein Platz für die demokratische Komponente von Öffentlichkeit. Deswegen will man Raucher aus den Augen haben, deswegen vertreibt man Obdachlose und Punks aus den Zentren der Stadt und deswegen stört man sich an den (Kommunikations-) Welten anderer. Der öffentliche Raum ist notwendigerweise ein umkämpfter, doch diese Eigenschaft geht im Terror der Regulative verloren. Die Shopping Mall ersetzt die Agora, die gesellschaftliche und kulturelle Vielfalt soll immer noch durch den Trichter der Zivilisierung zum Mittelmaß werden.
Es kann nicht sein, dass man die technische Realität der Gegenwart zu verhüllen versucht mit dem Mantel eines Ideals, welches nie verwirklicht wurde. Man kann nicht von öffentlichem Raum sprechen, wenn man gleichzeitig die eigenen Vorstellungen davon zur verbindlichen Definition macht. Das Öffentliche und das Private waren nie fein säuberlich voneinander getrennt und werden es auch nie sein, der technisch-mediale Fortschritt, der gemeinsam mit dem neuzeitlichen Ideal des Privaten seinen Siegeszug antrat, war gleichzeitig von Anfang an sein Totengräber. Das zu akzeptieren, erfordert Toleranz gegenüber anderen Vorstellungen und Meinungen und würde zu einer Annäherung, einer Renaissance des demokratischen Impetus von Öffentlichkeit führen.
