Die Papst-Flut

September 3, 2008

In Krakau wird ein Denkmal für den 2005 verstorbenen Papst Johannes Paul II gebaut. Die drei Meter (ohne Sockel) hohe Bronze-Statue soll am 16. Oktober anlässlich des 30. Jahrestages der Papstwahl auf dem Platz vor der Kathedrale auf dem Wawel enthüllt werden. Daran ist bei Gott nichts Ungewöhnliches, denn schließlich ist dies nicht das erste derartige Monument in der Stadt. Dennoch kam in den vergangenen Wochen eine Diskussion darüber auf, die sich vor allem daran entzündete, dass kein Wettbewerb erfolgte (das Grundstück ist in Besitz der Kurie, welche sich offenbar eine „endlose“ öffentliche Diskussion ersparen wollte), das Denkmal zu hoch und zu einfallslos wäre. Vor allem aber fürchtet man einen Eingriff in das bauliche Ensemble dieses mit historischer Bedeutung schwer beladenen Berges. Kann denn ein Hügel heiliger sein als der Papst? Dann wäre die wohl noch nicht endgültig ad acta gelegte Idee einer Aufschüttung eines solchen dem Oberhaupt der katholischen Kirche zu Ehren die ideale Form der Verehrung… Immerhin hatte das gerade in Krakau Tradition, wo man dies auch für die nationalen Helden Tadeusz Kościuszko und Józef Piłsudski tat. Jedenfalls mehren sich mittlerweile die Stimmen, die sich der besonders in Krakau grasierenden „pomnikomania“ („Denkmalmanie“) wiedersetzen wollen.

Wenn heutzutage der Eindruck entsteht, dass Denkmäler vorwiegend zur Erinnerung an Opfer durch die Nation errichtet werden, somit ein reflektiertes nationales Gedächtnis installiert wird, so lehrt der Blick auf die Staaten des ehemaligen Ostblocks häufig etwas Anderes. Hier wuchert die steinerne Erinnerung an nationale Helden an allen Ecken und Enden, wird der öffentliche Raum im Zuge eines Nachholens nationaler Identität von Denkmäler überflutet. Besonders schön sieht man dies tatsächlich an den Papst-Denkmälern in Polen. Ein eigener Wikipedia-Eintrag zeigt eine entsprechende Karte, welche bis Mitte 2005 230 Wojtyła-Figuren zählte, wobei sich die Zahl seitdem fast verdoppelte.

Wenn Denkmäler Ausdruck bestimmter Machtverhältnisse sind, wenn sie dazu dienen sollen, den Anspruch auf eine diskursive Führerschaft zu festigen, wenn sie die Vorrangstellung einer bestimmten Interpretation kollektiver Identität demonstrieren und durchsetzen wollen, was kann uns dann eine solche Karte erzählen? Hier zeigt sich eine religiöse Topographie in den Grenzen eines Nationalstaates. Je dichter die Streuung, desto stärker die Überblendung und Festigung des kirchlichen Machtsanspruches. Da nicht mit einem Abreissen der Skulpturen zu rechnen ist, sichert die Gemeinschaft der religiös-nationalen Heldenverehrer ihre dominante Rolle im öffentlichen Raum für die Zukunft ab. Eine kleine Industrie konnte sich dabei entwickeln, manch ein Bildhauer produziert Abbildungen des als Heiligen verehrten wie am (profanen) Fließband, wie etwa Czesław Dźwigaj, der fast 50 Papst-Denkmäler realisierte.

Natürlich bedeutet die Heroisierung Karol Wojtyłas einen polnischen Sonderfall, aber irgendwo sollte doch langsam die Erkenntnis keimen, dass ein pluralistischer und demokratischer Staat in einem immer stärker wahrnehmbaren globalen Kontext keine Statuen benötigt, um seine Bürger auf eine bestimmte Weltsicht einzuschwören. Dass religiöse und nationale Identitätspolitik so machtvoll agieren kann, ist dabei nur eine Sache, dass sie dabei auf das Gedächtnismedium des 19. Jahrhunderts zurückgreift und sich darin auch ästhetisch nicht unterscheidet, lässt mich zumindest hoffen, dass dem steinernen Massenprodukt bald ebenso wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, wie hierzulande. Sie wären dann einzig Monumente eines sinnentleerten Anspruches auf die Allgegenwart einer Ideologie.

Irgendwo zwischen Kult, Abscheu und Verdrängen befindet sich ein Ort in Krakau, dessen Zukunft unklar ist und über dessen geschichtliche Kontextualisierung gesellschaftlich noch verhandelt wird. Das ehemalige Hotel Forum ist tatsächlich ein besonderer Ort, einerseits hervorragend am Ufer der Weichsel positioniert, die dortige Umgebung dominierend (vom Süden kommend „empfängt“ es die Reisenden, noch kurz bevor der Wawel zu sehen ist), andererseits kein Teil des offiziellen städtischen Gedächtnisses, (noch?) keine Station auf der Route der Reisegruppen. Stattdessen ist das Hotel tief in das kommunikative Gedächtnis der Einwohner Krakaus eingedrungen, jeder erinnert sich an bestimmte Ereignisse und Erlebnisse, assoziiert etwas mit diesem Bau. Egal, wie man zu ihm steht, er scheint jedenfalls Emotionen zu wecken, was man nicht zuletzt in diversen Internet-Foren (etwa hier) mitbekommt.

Die Geschichte des Hotels ist schnell erzählt. 1978 wurde mit dem Bau begonnen, zehn Jahre später wurde es als das damals modernste Hotel Polens eröffnet, ausgestattet mit den verschiedensten technischen Raffinessen.

Mit seinem Hallenbad, dem Casino und angeblich einem der besten Restaurants der Stadt galt es als ein Ort, wo sich die Welt traf und nicht nur die Crew von „Schindler’s Liste“ – mit Ausnahme von Spielberg selbst – stieg dort ab. Auch für Kongresse, Hochzeiten und andere Feierlichkeiten war das Forum ein beliebter Ort. Doch bereits 2002 wird das Hotel geschlossen, angeblich wegen Baumängel. Seitdem wurde es zwar noch für Studenten- und Schülerpartyevents genutzt, doch im Allgemeinen dient es nur mehr als gigantische Werbetafel und ist ansonsten seinem Verfall überlassen. War es früher ein zentraler gesellschaftlicher Treffpunkt, so wird man heute vom Gelände vertrieben, wenn man eine Kamera in der Hand hat.

Was nun genau mit dem Forum passieren soll, weiß niemand so recht. Vor einigen Jahren ging der Bau von der Hotelkette Orbis/Accor in den Besitz von Wawel-Imos über, diese Firma plant seitdem den Abriss des Gebäudes, um an dessen Stelle Apartments zu errichten. Doch bisher fehlte die Erlaubnis der Stadt, Gerüchten zufolge würde eine Demolierung den schräg gegenüber liegenden Wawel gefährden.

Diese Lage macht den Fall auch so brisant. Von Kritikern wird immer wieder beklagt, dass das Forum die urbane Landschaft zerstöre oder dass kein Gebäude höher sein dürfe als der Wawel. Direkt vis-à-vis liegt auch noch ein weiteres nationales „Pantheon”, das Paulinerkloster, genannt Skałka. In dieser Reihe nationaler Denkmäler steht also nun ein modernistischer Bau aus kommunistischen Zeiten und stört das imaginierte und idealisierte Bild der Stadt. Dabei gebe es einige Identifikations- und mentale Integrationsmöglichkeiten, abgesehen von den schon angesprochenen persönlichen Assoziationen. Interessant finde ich beispielsweise die familiären Bezüge des Architekten Janusz Ingarden. Nicht nur, dass sein Sohn Krzysztof Ingarden mit dem Manggha Museum an einem der spektakulärsten Bauten der Stadt betraut war, welches im Übrigen nicht weit entfernt vom Forum steht, doch auch sein Vater ist ein prominenter Name und zwar der bekannte polnische Philosoph Roman Ingarden, der während der sozialistischen Herrschaft beständig Schwierigkeiten mit seiner Berufsausübung hatte. Sein Sohn hingegen wirkte nicht nur am Hotel Forum mit, sondern war ebenso am Bau der sozialistischen Planstadt Nowa Huta beteiligt und ist daher mit Sicherheit zu den nachhaltigsten Architekten dieser Epoche – gerade für Krakau – zu rechnen. Dies gibt auch Prof. Władysław Stróżewski vom Gesellschaftlichen Komitee der Erneuerung der Krakauer Denkmäler (Społeczny Komitet Odnowy Zabytków Krakowa ) zu bedenken und fragt konkret, ob man das Hotel Forum nicht auf die Liste der Sehenswürdigkeiten setzten sollte. Dem hält der städtische Hauptarchitekt Andrzej Wyżykowski entgegen, dass für einen solchen Denkmkalschutz-Status zumindest ein Alter von 50 Jahren vonnöten ist und dass hier andere Bauten aus der sozialistischen Epoche wie das Hotel Cracovia oder das Kino Kijów eher einen Anspruch darauf hätten.

Doch der Umgang mit dem Erbe des Sozialismus ist generell schwierig in Polen und die häufige und so emotionale Ablehnung des Hotels rührt von diesen Konflikten, auch wenn andere Gründe vorgeschoben werden. Der Widerspruch zwischen persönlichen Bezügen zu diesem Ort und der fehlenden kollektiven Erzählung darüber lässt einen Spielraum für Phantasie und Spekulation. So kursieren Gerüchte über Grundstückspekulation, Mafia oder es herrscht Angst vor ausländischen Investoren. Als Eigentümer werden einmal die Stadt, dann der Staat, dann wieder ein internationaler Konzern vermutet. Auch wenn ein Abriss gewünscht wird, so fürchtet man einen neuen modernen – diesmal kapitalistischen – „Klotz“. Auf der anderen Seite bietet das Forum Raum für subjektive Aneignungen, wie sie die niederländische Künstlerin Monika Wiechowska in einer Fotoausstellung im Jahr 2006 vorstellte. Im Interview mit der Gazeta Wyborcza spricht sie davon, dass ihre Bilder keinen dokumentarischen Charakter haben, sondern emotionale Bezüge darstellen. Zwischen der Leere des Ortes und den psychedelischen Effekten der Ausstattung entsteht ein magischer Raum. Wäre dies nicht ein Bezugspunkt, mit dem an den Charakter der Stadt angeknüpft werden kann? Das geheimnisvolle oder „magische Krakau“ ist schließlich eines der Sujets, mit denen geworben wird. Oder liegen die letzten Hoffnungen für das Gebäude in seiner kommerziellen Verwertung als sozialistischer Nostalgie-Kitsch, wie es partiell Nowa Huta zu drohen beginnt? Könnte man das Hotel nicht einfach nur verrotten lassen, als ein Stachel im urbanen Körper der Stadt (ähnlich dem „Szkieletor“, siehe unten), der ein idealisiertes Geschichtsbild stört, für Verwirrung sorgt und zum Nachdenken anregt? Es wäre ein paradigmatischer Ort komplexen kollektiven Gedächtnisses und somit ein hybrider Gegenentwurf zu anderen oft homogenen lieux de memoiré. Wäre das nicht eine Chance für Krakau?

Bei der Beschäftigung mit Krakau kommt einem immer wieder der Begriff des Pantheons unter, sei es als pathetische Überhöhung oder als Bezeichnung für bestimmte Orte. Dass es sich dabei um eine breitere europäische Tradition des 19. Jahrhunderts handelt, ist klar. Allerdings beschäftigt mich schon seit längerem, wie ein Pantheon funktioniert und in welchem Verhältnis es zum gesellschaftlichen Selbstverständnis steht.

Zum Ordnen meiner Gedanken habe ich mich an einen Text von Matthias Bickenbach orientiert,[i] wo das Pantheon in der Form, wie es um 1800 als Konzept wieder aufgegriffen wird, als „topographisches Gedächtnismodell eines symbolischen Ortes der Versammlung“ bezeichnet wird. Ausgehend von dieser Beschreibung möchte ich im Folgenden die Elemente seiner Struktur bezeichnen, um mich einerseits den Bedingungen seines Funktionierens (als Manifestation von Diskursen) und andererseits den Funktionen und Wirkungen selbst anzunähern. Das Ausgliedern der einzelnen Elemente hat den Zweck analytischer Vereinfachung, denn als „Pantheon“ stellen sie stets eine Gesamtheit im Sinne eines Netzes dar.

  1. Die erste Ebene ist jene der räumlichen Anordnung. Das Ideal stellt dabei das antike römische Vorbild dar, welches in jeder Beziehung Universalität symbolisierte: die Geschlossenheit aller möglichen Götter, die Kuppel als Analogon des Himmels, der ocolus als Übertragungskanal von Mikro- und Makrokosmos, die Geometrie der Architektur. Das Ordnungssystem besitzt in diesem Fall schon an sich so viel Aussagekraft, dass „die Leere des Bildlichen [umschlägt] in die Möglichkeit der Universalität, die der Raum bezeichnet.“ (120) Das 19. Jahrhundert mit seiner Lust am Bild muss diese Ordnung wieder mit Anschaulichem füllen, doch die Ordnung an sich wird fortgesetzt. Es ist ein „Ort der Versammlung“, eine unbewegliche Anordnung von unbeweglichen Elementen, sodass räumliche Abgeschlossenheit und Stabilität sowie Zeitlosigkeit darstellbar werden.
  2. Eine zweite Ebene stellen jene Diskurse dar, welche sich im Pantheon manifestieren können. Ihre historische Wandelbarkeit zeigt sich schon darin, dass das Pantheon um 1800 säkularisiert und vergeschichtlicht wird. Das heißt, keine Götter versammeln sich hier, sondern die Gegenwart des bürgerlichen Zeitalters verschafft sich Legitimation über die Konstruktion ihrer Geschichte. In unterschiedlichen (meist nationalen) Varianten bieten besonders vorbildliche Personen jene Kombination aus historischer Kontinuität und Handlungsorientierung für Gegenwart und Zukunft. Die zur Etablierung ihres Geschichtsmodells notwendige Institutionalisierung ist gleichbedeutend mit einer Kanonisierung, welche im Pantheon auf Grund seiner oben beschriebenen Ordnungsstruktur medialisiert werden kann. Geschichte/VorBilder/Kanon/Nation wäre also jenes diskursive Gemenge an leitenden Ideen des 19. Jahrhunderts, welches im Pantheon die Möglichkeiten zu seiner Materialisierung antrifft.
  3. Dazu ist – als eine dritte Ebene – aber auch tatsächlich Material notwendig. Mit seinen Eigenschaften der Anschaulichkeit und vermittelten Zeitlosigkeit stellt Stein dabei das Ideal da. Stein steht für lange Dauer (oder Ewigkeit), er bezeugt die Vergangenheit, ist selbst Vergangenheit und macht sie damit gegenwärtig. Seine materielle Kontinuität suggeriert Stabilität über alle Zeiten hinweg, womit er die räumliche Abgeschlossenheit und die Zeitlosigkeit der Raumordnung noch verstärkt. Neben dem Stein ist jedoch auch die Reliquie mitzudenken. Das Pantheon als Nekropole macht die religiöse Komponente dieses Gedächtnismodells deutlich. Ähnlich wie der Stein bewirken auch menschliche Überreste die anschauliche Anwesenheit der Vergangenheit im Heute. Sie bedienen gleichzeitig das bürgerliche Bedürfnis nach Echtheit, Authentizität, wie auch jenes nach Wundertätigkeit, nach einer wohlgesinnten metaphysischen Kraft.
  4. Als vierte Ebene möchte ich den Handlungsaspekt einführen. Zum einen stellt dieser die Konsequenz aus dem bisher Gesagten dar, doch umgekehrt verlangt das Gedächtnismedium, um seinen institutionellen Status aufrecht erhalten zu können, nach wiederholter performativer Re-Aktualisierung. Da Ritualen die Eigenschaft von Stabilität inhärent ist, stellen sie einen bevorzugten kulturellen Umgang mit Vergangenheit im Allgemeinen und dem Pantheon im Besonderen dar. Sie stellen das Äquivalent zur Statik der Ordnung, des Ortes und der Zeit dar. Religiöses und Säkulares vermischt sich bei Toten- und Gedenkfeiern, Ehrenwache oder Kranzniederlegungen. In der Gesamtheit aller Ebenen lässt sich das Pantheon als ein Dispositiv verstehen, welches den performativen Umgang präfiguriert. Es erschafft dem Besucher einen auratischen Ort, außerhalb von (alltäglichem) Raum und (Lebens-)Zeit, ebenso wie eine hybride Kultstätte der Moderne, in welcher Toten-, Reliquien-, Vergangenheits- und Künstlerkult ineinander übergehen. Beides verlangt nach Ehrfurcht, Andacht und Besinnung als Verhaltensnormen.

Diese Elemente des Pantheons und ihre Charakterisierungen stellen Idealformen dar und de facto treten bei einer Realisierung immer Probleme auf (etwa auf Grund der Historizität oder der Transnationalität von Gedächtnis). Trotzdem hat es als Modell große Verbreitung gefunden. Es kanonisiert und stabilisiert nicht nur kollektives Gedächtnis, sondern es stattet dieses noch zusätzlich mit Wirkungskraft aus. Die institutionalisierte Vergangenheit erhält Erhabenheit, Heiligkeit. Das fördert nicht nur die metaphysische Überhöhung der Geschichte, sondern steigert dazu noch die Legitimation jener, welche sich auf sie berufen.

Zum einen sorgt dies für Stabilität einer Gesellschaft, indem es Zusammengehörigkeit imaginiert und indem es in einer Zeit intensiver kultureller Beschleunigung durch einen stabilen Erfahrungsraum die Schaffung einer Zukunftsperspektive, eines Erwartungshorizonts erleichtert.

Andererseits ist das Pantheon als Ort praktisch veränderungsresistent. Im zeitlichen Verlauf muss es entweder selbst einen Verlust an gesellschaftlicher Bedeutung erleiden oder die Gesellschaft droht in antiquierten Handlungsidealen und Weltbildern einzufrieren.


[i] Bickenbach, Matthias: Das Dispositiv des Fotoalbums. Mutationen kultureller Erinnerung. Nadar und das Pantheon. In: Fohrmann, Jürgen; Schütte, Andrea; Vosskamp, Wilhelm: Medien der Präsenz. Museum, Bildung und Wissenschaft im 19. Jahrhundert. Köln, 2001. S.87–128.

Was wird das nächste Krakauer „In-Viertel“? Das ist eine Frage, die immer wieder zur Sprache kommt und ich denke, das hat zum einen damit zu tun, dass die Stadt innerhalb der vergangenen 20 Jahre einen echten Boom erfahren hat und davon gleich mehrere Wellen. So war es zuerst die Altstadt, welche aufwendig renoviert, touristisch wieder entdeckt und heute neben den kulturinteressierten Städtereisenden auch immer mehr partyfreudige Wochenendgäste anzieht. Parallel dazu wurde der Stadtteil Kazimierz als historisches Erbe jüdischer Kultur bekannt, nicht zuletzt forciert durch den teilweise hier gedrehten Film „Schindler’s Liste“. Gleichzeitig erwuchs aus einem dort ansässigen bzw. von dem Viertel angezogenen künstlerischen Milieu eine Kneipenszene, die sich als Alternative zum Stadtzentrum verstand, jedoch in den letzten Jahren ob ihrer Auswüchse auch unter Kritik geriet. Ein weiterer Faktor ist, dass Kazimierz einem Prozess der Gentrifizierung unterliegt, steigende Mietpreise verändern das soziale Gefüge des lange Zeit als gefährlich und unattraktiv geltenden Stadtteils. Die Kommerzialisierung des Raumes könnte über kurz oder lang seinen Charme der Authentizität mindern.

Auf der anderen Seite ist dies natürlich kein Sonderfall. In Berlin beispielsweise kann man den Wechsel „verruchtes Viertel – alternative Szene – attraktiver Bobo-Wohnort – Spießergegend“ immer wieder verfolgen. Neu-Köln könnte da ein nächster Kandidat sein und in Wahrheit warte ich nur auf Marzahn, bis ich dann wirklich nach Berlin ziehe.

Aber natürlich gibt es in dieser Frage kein wirklich funktionierendes Modell. Deswegen ist es im Falle Krakaus auch möglich, dass die Antwort auf die gestellte Frage noch eine Zeitlang auf sich warten lässt. Bisher galt immer Podgórze als Favorit und tatsächlich spricht einiges dafür. Dieser Stadtteil liegt recht attraktiv an der Weichsel, hat zwar keine allzu lange (seit 1784), dafür aber eine das Stadtbild prägende Geschichte. Bis zum 1. Weltkrieg eigenständig, hat Podgórze auch heute noch einen spürbaren eigenen Charakter. In den letzten Jahren als Wohnort für Studenten immer beliebter, hat es mit dem Manggha-Museum und bald mit der in der Schindler-Fabrik geplanten Samlung modernen Kunst auch seine Anziehungskraft auf den zeitgenössischen Kulturbetrieb bewiesen. Trotz dieser und noch anderer Tendenzen, haben sich die Prophezeiungen jedoch noch nicht bewahrheitet. Vielleicht liegt das Viertel auch schon etwas zu weit vom Zentrum entfernt?

Da hat der nächste Kandidat aber noch um einiges schlechtere Karten und zählt daher definitiv nur als Geheimtipp. Wobei, einen sehr eigenen Charakter kann man Nowa Huta nicht absprechen. Das „Geschenk Stalins“ an das konservativ-bürgerliche Krakau ist ein Beispiel sozialistischer Planarchitektur, erst unbeliebt wegen seines proletarischen und atheistischen Charakters und wegen der verschmutzen Luft aus dem riesigen Stahlwerk, erinnert man sich heute aber gerne an einen dortigen Kirchenbau und die Solidarność-Bewegung als Widerstandsakte gegen die ideologischen Bauherren. Der Blick auf das Viertel ist generell von Widersprüchen geprägt, so galt es zu nächtlicher Stunde als gefährlich und als Folge des wirtschaftlichen Wandels war Nowa Huta besonders von Arbeitslosigkeit betroffen. Auf der anderen Seite gewinnt der Stadtteil gerade deswegen durch billigere Mieten und eine zu weiten Teilen gute Qualität der Bausubstanz wieder an Attraktivität auch für Studenten. Dazu kommt, dass sich bedingt durch politische Förderungen neue Arbeitgeber ansiedeln, durch das aus Kazimierz abgewanderte Łaźnia-Theater wird auf eine bereits bestehende Theater-Tradition gesetzt und nicht zuletzt schwinden gerade bei den jüngeren Menschen mehr und mehr die lange geschürten Vorurteile gegen die Arbeiterstadt. Doch ob das reicht, „in“ zu werden, kann bezweifelt werden. Vielleicht alleine deswegen, weil Nowa Hute nicht nur real, sondern auch in den Köpfen noch immer zu weit weg vom „eigentlichen“ Krakau ist.

Wenn nun aber die Entfernung so ein wichtiger Faktor ist, wie wäre es mit Kleparz, nördlich direkt an das Zentrum anschließend? Auch hier gibt es eine lange eigene Geschichte, doch man spürt sie nicht mehr wirklich, vermutlich ist sie als noch unabhängige Stadt ein paar Mal zu oft zerstört worden. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ist Kleparz ein Teil Krakaus, ist tatsächlich zu einem Teil geworden. Was das Viertel trotzdem auszeichnet, ist – wie gesagt – die Nähe zur Altstadt und seine gleichzeitige Abgeschiedenheit von den Touristenströmen. Hier scheint man noch auf eine authentische polnische Kleinstadt zu treffen, mit dem belebten Marktplatz, den ruhigen Gassen, kleinen Geschäften. Wem sich das zu langweilig anhört, dem sei in Erinnerung gerufen, dass die Nähe zum Hauptbahnhof nicht nur historisch, sondern auch heute noch das älteste Gewerbe der Welt anzieht. Doch auch das scheint nicht zu helfen, Kleparz bleibt verschlafen und selbst wenn es einen Wandel erzwingen wollte, so glaube ich nicht recht, dass ihm das gelingen würde. Zwar weit davon entfernt, non-lieu zu sein, fehlt ihm dennoch jener sense of place, den Kazimierz, Podgórze und wohl auch Nowa Huta haben.

Womöglich hat der Boom in Krakau derzeit auch seine räumlichen Grenzen erreicht. Touristisches Wachstum ist nicht gleichbedeutend mit beschleunigtem stadtkulturellem Wandel und der traditionsbewusste urbane Habitus Krakaus ist nicht mit dem Berlins vergleichbar.


Literatur: Smagacz, Marta: Social changes in Krakow’s Kazimierz and the Ticinese District in Milan. Kraków 2008. Download hier.

Der Marsz Tolerancji (Toleranzmarsch) in Krakau ist vorbei. Bei herrlichem Wetter ging es vom plac Matejki los, links den Grüngürtel (Planty) entlang, dann über die ulica Dominikańska und ul. Grodzka auf den Hauptplatz (Rynek). Das ist nicht der klassische Weg für Umzüge, welche traditionell dem Königsweg entlang, also durch die ul. Floryańska direkt auf den Rynek, dort einmal herum und dann die Grodzka Richtung Königsschloss verlaufen. Aber der Weg durch die Planty verlieh der Veranstaltung etwas von einem gemütlichen Spaziergang und nur die hochgerüstete eskortierende Polizei erinnerte daran, dass es sich bei der Parade doch um eine unkonventionelle Stadtraumnutzung handelte. Der Einzug auf den Rynek war daher auch ein symbolischer Akt, der von den Teilnehmern laut bejubelt wurde. Man darf dies nicht unterschätzen, im Konflikt um den öffentlichen Raum gibt es unterschiedliche mit Bedeutung aufgeladene Orte. Den Königsweg durfte man mit dem Aufruf zur Toleranz mit Homosexualität nicht benutzen und auch am Rynek sah man sich nun mit der Gegenseite konfrontiert. Das symbolträchtige Denkmals des Nationaldichters Mickiewicz war fest in rechter Hand, umringt von Skinheads und Anti-Schwulen-Tafeln. Spechchöre, Gemüse und Eier waren partielle Versuche, auch den Demonstrationsraum zu übernehmen, de facto wurde dies aber vom Polizeispalier verhindert.

Nun ein paar Eindrücke von einer wirklich tollen und ermutigenden Veranstaltung. Bei der Vielzahl an Leuten mit Kameras gibt es bestimmt bald eine größere Auswahl…


Heute, am Samstag dem 26. April, findet in Krakau zum vierten Mal der Marsz Tolerancji statt, als Teil eines das ganze Wochenende stattfindenden Festivals. In den vergangenen Jahren kam es dabei auch stets zu Gegendemonstrationen, bei denen nicht nur verbal gegen Homosexualität und für vorgeblich traditionelle polnische Werte gekämpft wurde, sondern es auch zu Verletzten kam. Wie auch bei anderen ähnlichen Veranstaltungen – etwa in Warschau bei der Parada Równości [„Gleichheitsparade“] – werden dabei die gesellschaftlichen Brüche im Land besonders sichtbar: Zukunftsoptimismus vs. Wohlstandverlierer, humanistische Ideale vs. fanatischer Moralismus, Weltoffenheit vs. national-religiöse Barrikaden. Die Straßen, der öffentliche Raum, werden dabei zum Schauplatz dieser sozialen Widersprüche, von Seiten der Gegendemonstranten geht es dabei tatsächlich darum, ihn nicht zu verlieren. Homosexualität in der Öffentlichkeit macht ihnen Angst, erschüttert ihren engen Horizont und führt ihnen unangenehm vor Augen, dass ihre Stadt, ihr Land, im Gegensatz zu ihnen schon im 21. Jahrhundert angekommen ist. An diesem Tag wird offensichtlich, dass sie ihren Ort verloren haben.

Der umkämpfte öffentliche Raum spiegelt die gesellschaftlichen Kämpfe wider. Das spitzt sich am kommenden Samstag zu, findet aber auch schon im Vorfeld statt. Plakate, die vor der „homosexuellen Barbarei“ warnen, welche die nationalen und religiösen Werte der Nation mit Füßen tritt, hängen schon seit einigen Tagen in der Stadt (vgl. meinen letzten Text). Lustigerweise machen sie auf den unaufmerksamen Passanten (wie mich) eher den Eindruck einer Unterstützung der Parade. Die gelbe Farbe wirkt fröhlich und auf den beiden Fotos sieht man gut gelaunte Menschen mit bunten Luftballons. Wer möchte nicht Teil dieser Party sein? Aber gut, der Text spricht eine andere Sprache als die Bilder.

Auch die Veranstalter des Toleranzmarsches haben Plakate aufgehängt, unauffällig in Schwarz-Weiß, jede Aufregung vermeidend. Dazu kommen aber noch kleinere Aufkleber von beiden Seiten. Antifa-Symbole, aber auch „Stoppt Schwule“-Zettel [„Pedalstwu Stop“] oder der grimmige Wolf mit der bemüht ironischen Aufschrift „Vergesst ihr die Parade am 26. April, zeigen wir die Zähne“. Dazu kommen noch spontane Akte der Raumaneignung. Das gegenseitige Herunterreißen der Plakate, aber auch Schriftzüge wie „Schwule ins Gas“. Diesen aggressiven Ton hört man dann nicht nur ebenso auf der Gegendemo, vielmehr sind Plakatwände nur ein Teil eines viel größeren Diskurses, der auf den unterschiedlichsten Plattformen – etwa im Internet – stattfindet. Die Straße und der Platz sind nur die traditionellen Rahmen von Öffentlichkeit und deswegen vielleicht auch am stärksten umkämpft, doch immer schon und immer mehr gibt es auch andere Schauplätze.

Den öffentlichen Raum sah man schon oft im Sterben liegen. Dass dem nicht so ist, dass gesellschaftliche Veränderung verräumlicht werden kann, das sollen am Samstag möglichst viele Menschen beweisen. Um 12:00 am Plac Matejki geht’s los.

Zwischendurch kann Krakau ganz schön nerven, da hält man den nationalen Pathos, den Stolz auf die Geschichte der Stadt und das Konterfei des letzten polnischen Papstes an allen Ecken fast nicht mehr aus. Darum zeigt man sich anfangs auch nicht sonderlich überrascht, wenn man folgendes Plakat sieht:

(auf die Schnelle übersetzt: Homosexueller Barbarismus in Krakau! Marschder Toleranz 2007 – propagierte Homosexualität unter „dem Auge des Papstes“ [am Foto der Bischofspalast, in welchem Papst Johannes Paul mehrmals wohnte und auch heute noch sein Bild hängt, welches für Katholiken zu einer Art Pilgerstätte geworden ist]. Marsch der Toleranz 2006 – Propagandisten von Homosexualität trampeln auf dem Grab des Unbekannten Soldaten am Matejko-Platz herum. Achtung! Am 26. April kommen sie wieder durch die Krakauer Straßen. [ganz unten:] Pior Skarga-Gesellschaft christlicher Kultur)

Dass hier die Bevölkerung vor einem Aufmarsch Homosexueller und ihrer Sympathisanten gewarnt wird, welcher nicht nur den religiösen, sondern auch den nationalen Stolz verletzt, ist natürlich schlimm und idiotisch genug. Aber ebenso beunruhigend habe ich es empfunden, dass ich mich von diesem Plakat nicht sonderlich überrascht gezeigt habe. Als ob ich es erwartet hätte, dass man so etwas gerade hier zu Gesicht bekommen kann. Typisch, habe ich mir gedacht, das kennt man ja schon aus der Vergangenheit.

Bei der Recherche fühlte ich mich auch zuerst bestätigt, die Homepage des Vereins strotzt vor religiösem und nationalem Pathos, ihr missionarischer Eifer drückt sich nicht nur in Kreuzzug-Symbolik aus. In einem Artikel der Internetzeitung gazeta.pl wurde im Jahr 2005 zu diesem Verein recherchiert und er berichtet nicht nur von geheimnisvoller Desinformation, sondern auch von der Nähe einiger beteiligter Personen zu den auch im Ausland bekannten Institutionen „Liga Polnischer Familien“ („Liga Polskich Rodzin“), dem dieser Partei nahe stehenden Jugendverband „Allpolnische Jugend“ („Młodzież Wszechpolska“) sowie zur klerikal-nationalistischen Zeitung „Nasz Dziennik“.

Soweit noch keine große Überraschung, aber der Gedanke kam auf, dass ich mit Österreich ob seines strukturellen Katholizismus, dem dortigen Konservativismus, dem Mysthizismus und der vorherrschenden Obrigkeitshörigkeit vielleicht manchmal zu streng ins Gericht gegangen bin. Wenn man es mit Polen vergleicht…

Dann kam ich aber doch noch rechtzeitig zur Besinnung. Der schon angesprochene Artikel erwähnte noch weitere Namen und Vereine und diese hatten nicht mehr unbedingt etwas spezifisch Polnisches an sich. Unter anderem findet sich hier ein brasilianischer Staatsbürger namens Leonardo Przybysz, oder der in Frankfurt/Main ansässige Mathias Gero von Gersdorff. Dieser wiederum war vor einigen Jahren auch in Österreich aktiv mit einem Verein namens „Österreichische Jugend für eine Christlich-kulturelle Gemeinsamkeit innerhalb des Deutschsprachigen Raumes“, von welchem sich die offizielle Kirche distanzierte. Immer wieder tritt er in Erscheinung, wenn es darum geht, radikale moralische Positionen zu vertreten [z.B. auf www.kreuz.net gegen „Bravo“]. Er ist Vorsitzender der deutschen Abteilung des Vereins „Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“, welcher wiederum ursprünglich in Brasilien gegründet wurde. Die Online-Ausgabe des Magazins „Titel“ berichtete 2005 von einer weiteren Aktivität von Gersdorffs im Verein „Deutschen Vereinigung für eine Christliche Kultur (DVCK) e.V.“ und zitierte dort aus einer Postsendung unter anderem folgendes:

„Möchten Sie, daß Ihre Kinder Schulkameraden haben, die keine Mutter, aber zwei Väter oder keinen Vater, aber zwei Mütter haben? [..] Möchten Sie, daß Ihre Kinder aufwachsen und die Homosexualität als etwas völlig Normales ansehen? […] Pädophilie, Pornographie im TV, erotische Blätter wie „Bravo“ für Kinder und Jugendliche… Was soll denn demnächst noch kommen? Kannibalismus, Nekrophilie und Polygamie? […] Es ist höchste Zeit, daß dieser Dekadenzprozeß gestoppt wird. Und hierzu brauche ich Ihre Hilfe.“

Nachdem ich also bei diesem Plakat begonnen habe und dann innerhalb kurzer Zeit bei wirklich beunruhigenden christlichen und/oder nationalistischen Fundamentalisten aus Brasilien, Frankreich, Deutschland, Österreich, Polen und bei deren Netzwerken gelandet bin, bekenne ich mich reumütig der Sünde des Vorurteils und lasse umso lieber mein schlechtes Gewissen wegen meiner Abneigung gegen die Fänge des Katholizismus wieder fallen.

Es bleibt daher nur noch zu betonen, welche Freude einem Krakau auch bereiten kann. Darum vormerken:

26.4.2008: Marsch der Toleranz in Krakau
im Rahmen des Festivals „Kultur für Toleranz“ vom 24.-27.4.

http://www.tolerancja.org.pl/

(ursprünglich am 18.4.2008 verfasst)