Neues Denken in brennenden Unis
November 7, 2009
Warum die Proteste an den Universitäten faszinieren und wie damit vorherrschende Diskurse herausgefordert werden.
Die Unis in Österreich brennen! Wohl kaum jemand hat dieses spontane Aufbegehren erwartet, auch nicht die folgende Kettenreaktion. Das alles ausgerechnet in Österreich mit seiner traditionellen Intellektuellenfeindlichkeit und seinem provinziellen Konservativismus. Jeder kennt mittlerweile die Chronologie der Ereignisse, wie sich nach und nach weitere Universitäten im Land anschlossen und es nun auch in Deutschland zur Besetzung von Hörsälen kommt. Nach einer ersten Phase des Ignorierens und Unterschätzens berichten auch die konventionellen Medien – auch außerhalb Österreichs – von dem Aufstand der Studierenden (vgl. den Pressespiegel). Und doch bleiben die Faszination und die freudige Verwunderung angesichts der Eigendynamik des Ganzen und vieler kleinerer Details. Wo sind all die journalistischen Zeitdiagnostiker, die uns ständig eine unpolitische Jugend eingeredet haben? Hat man (bewusst?) übersehen, dass es unterhalb des dominierenden neoliberalen Diskurses schon längst brodelte? Vor allem die große nationale Politik war sich ihrer Überlegenheit wohl allzu sicher. Darauf deuten etwa die arroganten Beschwichtigungsversuche des Wissenschaftsministers (Dr.?) Hahn hin, der die protestierenden Studierenden mal als „Spontis“, mal als „lokalen Protest“ ansah. Hier spricht jemand, der es gewohnt ist, auf andere von oben herab zu sehen. Nein, ER kommt nicht ins Audimax, denn ER lädt zu seinem Hochschuldialog ein, wen ER möchte. ER erwartet Dankbarkeit für die 34 Mio Euro aus dem eigenen Ressort und wenn darauf hingewiesen wird, dass dies einfach nicht reicht, dann werden die Studierenden eben gegen die Arbeitslosen ausgespielt (wie von Beatrix Karl in der Sendung „Am Punkt“ auf ATV getan). Auch alle anderen politischen Vertreter scheitern an den Vorgängen in den besetzten Hörsälen. Sie können basisdemokratisches Handeln nicht verstehen (und fordern deshalb z.B. die ÖH auf, sich an die Spitze zu stellen). Sie können nicht über das übliche Schwarz-Weiß-Denken hinausblicken (und bleiben dabei immer bei der Frage zwischen mehr Staat oder mehr Markt hängen, ohne zu sehen, dass Bildung nicht mit diesen Begriffs-Kategorien verhandelt werden darf). Sie betrachten die Ereignisse mit veralteten Schablonen (indem hier von einer linken Minderheit, von einer 68er Tradition, von typischem studentischen Ungehorsam gesprochen wird). Die heimische Politik ist derart weit von diesen Ereignissen entfernt, dass sie schlichtweg nicht begreift, was hier passiert und dass ihre leeren Worthülsen und ihr überlegenes Auftreten nicht mehr hingenommen werden.
Würden sie (aber auch andere Vertreter der konventionellen Öffentlichkeit) sich nur einen Moment lange mit Interesse den Ereignissen gegenüber öffnen, müssten sie wohl schnell nachzudenken beginnen. Täglich beschäftigen sich tausende Menschen oft stundenlang mit politischen und gesellschaftlichen Fragestellungen. Innerhalb kürzester Zeit wurde eine funktionierende Selbstorganisation errichtet. Technische Voraussetzungen für weitestmögliche Transparenz wurden geschaffen. Innerhalb zweier Tage entstand eine wirklich ansehnliche Homepage, etwa ebensolange benötigte eine eigene Zeitung. Die ganze Protestbewegung beruht auf dem Funktionieren einer Vielzahl kleiner Rädchen – von der Volxküche, über die Pressearbeit oder die Plenumsplanung und den Infopoint, bis hin zur Abendgestaltung und der Organisation einer Menge öffentlicher Aktionen – und sie alle beweisen, dass gemeinschaftliches und uneigennütziges Handeln und Denken möglich sind.
Wer beispielsweise in das Wiener Audimax kommt, erfährt einen völlig neuen Raum. Universität wird hier neu gedacht. Wenn die Studierenden mehr Wahlfreiheit für Lehrveranstaltungen fordern – hier wird mit einem umfassenden Angebot an Vorträgen und Diskussionen genau dies bereits umgesetzt. Wenn die Gleichberechtigung der Geschlechter verlangt wird – hier ist ein Forum, wo darüber intensiv verhandelt und gekämpft wird. Wenn eine Demokratisierung der Unis gefordert wird – hier soll sich jeder einbringen und hier bestimmen die Mitwirkenden selbst ihr Schicksal. In den besetzten Hörsälen gelingt der Ausbruch aus verschulten Ausbildungssystemen, es darf wieder weitergedacht werden und es kann behauptet werden, dass in den letzten Wochen tatsächlich gelernt wurde, was ansonsten keinen Platz in den Lehrplänen hat. Dies gilt nicht nur für die tatsächliche Anwesenheit vor Ort. Die verschiedenen Livestreams aus den Hörsälen bieten echtes Bildungsfernsehen. Die Vernetzung der Menschen durch das Internet ermöglicht eine blitzartige Verbreitung von Bildern, Informationen, Kritiken.
Der konkrete Auslöser zur Schaffung dieser neuen Räume mag nur klein gewesen sein. Den allgemeinen Hintergrund scheint jedoch die jahrelange Ignoranz der Verantwortlichen abzugeben. Nicht nur die universitäre Ausbildung wurde jahrelang ausgehungert und dem marktwirtschaftlichen Postulat unterstellt, Stichwort: die Uni als Firma. Die Unzufriedenheit der Menschen wurde schlichtweg nicht beachtet, man vertraute dem vorherrschenden Diskurs. Doch seitdem das neoliberale Wirtschafts- und Finanzsystem im vergangenen Jahr beinahe kollabiert ist und seine gefährlichen Mängel und Illusionen so deutlich offenbart hat, ergab sich eine neue Situation. Angesichts des Scheiterns dieses Denksystems (das Versagen der Wirtschaftsforscher wird schon länger vielfach diskutiert) waren einschneidende Reformen und neue Denkbewegungen zu erhoffen. Doch nichts dergleichen geschah. Die Banken wurden mit Unsummen des öffentlichen Vermögens gerettet (ohne weitreichende Bedingungen daran zu knüpfen), die Banker bekommen 2009 Rekordboni, der Bürger muss dafür bezahlen, obwohl sein einziger Fehler darin lag, als Schaf das vorherrschende neoliberale Denken als einzig mögliches unhinterfragt zu akzeptieren. Die StudentInnen-Proteste können nur vor diesem Hintergrund verstanden werden. Es mag nun vor allem um Bildung gehen und endlich wird über diesen Begriff wieder nachgedacht. Es mag um die zum Teil unerträgliche Situation an den Universitäten gehen. Es geht aber auch darum, dass die Politik angesichts der großen Probleme unserer Zeit versagt hat und nicht nur keine Lösungen anbietet, sondern echte Vorschläge – die es ja seit Jahren gibt – konsequent überhört. Was im österreichischen Bildungssystem schief läuft ist nur ein Spiegelbild dessen, wie es in anderen Gebieten aussieht. Die besetzten Hörsäle mit ihren Vernetzungen in andere Medien und ihre Aktionen in der Öffentlichkeit schaffen erstmals seit Jahren wieder Räume, wo Probleme offen angesprochen und diskutiert werden und wo man sich weigert, vor den alten Autoritäten hörig zu buckeln.
empfohlen: Corinna Milborn: Welche Universitäten für diese Krise? Audimax Wien, 29.10.2009
weitere Links zu den Protesten:
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Der neue Prater – Nicht-Ort statt Theme-Park
Mai 7, 2008
Der Eingangsbereich des Wiener Wurstelpraters wurde eben neu gestaltet und erregt aus unterschiedlichsten Gründen öffentliches Aufsehen. Zum einen werden politische Entscheidungen und dubiose Eigentumsverhältnisse kritisiert, zum anderen stellen sich die neuen Konstruktionen vor allem als ein ästhetisches Ärgernis heraus. Der Standard etwa schreibt:
„Irgendjemand hat hier im Fiebertraum unzählige Elemente längst untergegangener Wiener Hochkulturen zu einer gräulichen Stilmasse verdaut und ausgekotzt.“
Man fragt sich zwangsläufig, weshalb man diese Elemente der städtischen Geschichte, transformiert zu billigen Fassaden, Vergangenheitskitsch und einem Hauch von Themepark-Atmosphäre, überhaupt benötigt, wenn man doch drei U-Bahn-Stationen weiter das selbe plus dem Anschein von Authentizität bekommen kann. Schließlich ist der Themenkomplex „Wien um 1900“ wesentlicher Bestandteil des gesamtstädtischen Images.
Die Form eines Themenparks kann ja sogar auf eine Prater-Tradition zurückgreifen, als 1895 „Venedig in Wien“ errichtet und einige Jahre lang auch begeistert aufgenommen wurde. Doch erstens handelte es sich dabei um den Nachbau eines relativ fernen Ortes und zweitens büßte diese Art der Reise schnell durch das gleichzeitige Aufkommen der Kinos an Attraktivität ein. Mit Ausnahme dieser Episode fußte der Prater immer auf einer durchmischten Vielzahl an Orten.
Er stellte dabei immer einen Gegen-Raum für Wien dar. Hier verbrachte man seine Freizeit, hier traf ein buntes soziales Gemisch aufeinander, hierhin reichte häufig nicht der strenge bürgerlich-katholische Blick der Moral. Aberglauben, Phantasien, neue (Aus-)Blicke, neue Geschwindigkeiten und Techniken, das Traditionelle und das Futuristische hatten hier ihren Platz. Die Panoramen und die ersten Kinos waren nur eine konsequente Fortsetzung des Ringelspiels, der Freak-Show und der Wahrsagerin. Der Prater eröffnete eine Vielzahl neuer Räume, war sozusagen Labor und Schule für jene Erfahrungen, die später mit Autos, Flugzeugen, Fernseher, Internet und Globalisierung zur Normalität werden sollten.
Die Neugestaltung des Praters widerspricht daher in mindestens zwei Punkten der eigenen Tradition: Zum einen war der Prater um 1900 ein anderer Raum – ein Heterotop – im Verhältnis zum Wien des Fin de siècle, es findet nun also eine Rollenverschiebung statt, die nur deswegen so negativ ausfallen muss, weil „Wien um 1900“ weiterhin ein Grundpfeiler gesamtwienerischen Selbstverständnisses ist. Zweitens bietet der neue Bereich keine sinnliche Herausforderung, keine Verwirrung der Eindrücke – Bilder, Gerüche, Lärm –, kein Staunen und Überraschen, kein Spectacle.
Das penetrante Anknüpfen an die Wiener Kultur, ihren architektonischen Elementen, ihren ikonisierten Helden und ihrem sprachlichen Ausdruck („Herrrreinspaziert!“ „Küss die Hand“) mag in Sissi-Filmen noch für nostalgische Gefühle gereicht haben. Hier jedoch sind sie dem letzten Rest identitätsbildender Kraft verlustig gegangen. Keine Nähe und Ferne, sondern bloße Oberfläche vermitteln sie. Diese neue Konstruktion wird damit zum spätmodernen non-lieu par excellence, kein Eingangsbereich liminaler Verwandlung, sondern ein öffentlicher Raum heutiger Zeit wie das Einkaufszentrum. Sauber, sicher, unkompliziert, konsumentenfreundlich, Geschichte ohne historisches Objekt, sondern als Dekoration.
Dass dieses Erscheinungsbild zu einem Konflikt mit bisherigen Erinnerungen und Identitäten führt, war vorauszusehen. Ebenso ist aber anzunehmen, dass diese sinnentleerte Kulisse gerade wegen ihrer Oberflächigkeit, ihrer Wien-Werbung-Ästhetik und ihrer strukturellen Ähnlichkeit zur Shopping Mall schneller akzeptiert werden wird, als man denkt. Nicht wegen architektonischer Originalität oder atemberaubendem Spektakel, sondern weil man nichts anderes gewöhnt ist, weil sie steril und banal ist, so wie man sich einen öffentlichen Raum nur wünschen kann.







