Umkämpfter Raum in Krakau – Toleranz und deren Gegner

April 25, 2008

Heute, am Samstag dem 26. April, findet in Krakau zum vierten Mal der Marsz Tolerancji statt, als Teil eines das ganze Wochenende stattfindenden Festivals. In den vergangenen Jahren kam es dabei auch stets zu Gegendemonstrationen, bei denen nicht nur verbal gegen Homosexualität und für vorgeblich traditionelle polnische Werte gekämpft wurde, sondern es auch zu Verletzten kam. Wie auch bei anderen ähnlichen Veranstaltungen – etwa in Warschau bei der Parada Równości [„Gleichheitsparade“] – werden dabei die gesellschaftlichen Brüche im Land besonders sichtbar: Zukunftsoptimismus vs. Wohlstandverlierer, humanistische Ideale vs. fanatischer Moralismus, Weltoffenheit vs. national-religiöse Barrikaden. Die Straßen, der öffentliche Raum, werden dabei zum Schauplatz dieser sozialen Widersprüche, von Seiten der Gegendemonstranten geht es dabei tatsächlich darum, ihn nicht zu verlieren. Homosexualität in der Öffentlichkeit macht ihnen Angst, erschüttert ihren engen Horizont und führt ihnen unangenehm vor Augen, dass ihre Stadt, ihr Land, im Gegensatz zu ihnen schon im 21. Jahrhundert angekommen ist. An diesem Tag wird offensichtlich, dass sie ihren Ort verloren haben.

Der umkämpfte öffentliche Raum spiegelt die gesellschaftlichen Kämpfe wider. Das spitzt sich am kommenden Samstag zu, findet aber auch schon im Vorfeld statt. Plakate, die vor der „homosexuellen Barbarei“ warnen, welche die nationalen und religiösen Werte der Nation mit Füßen tritt, hängen schon seit einigen Tagen in der Stadt (vgl. meinen letzten Text). Lustigerweise machen sie auf den unaufmerksamen Passanten (wie mich) eher den Eindruck einer Unterstützung der Parade. Die gelbe Farbe wirkt fröhlich und auf den beiden Fotos sieht man gut gelaunte Menschen mit bunten Luftballons. Wer möchte nicht Teil dieser Party sein? Aber gut, der Text spricht eine andere Sprache als die Bilder.

Auch die Veranstalter des Toleranzmarsches haben Plakate aufgehängt, unauffällig in Schwarz-Weiß, jede Aufregung vermeidend. Dazu kommen aber noch kleinere Aufkleber von beiden Seiten. Antifa-Symbole, aber auch „Stoppt Schwule“-Zettel [„Pedalstwu Stop“] oder der grimmige Wolf mit der bemüht ironischen Aufschrift „Vergesst ihr die Parade am 26. April, zeigen wir die Zähne“. Dazu kommen noch spontane Akte der Raumaneignung. Das gegenseitige Herunterreißen der Plakate, aber auch Schriftzüge wie „Schwule ins Gas“. Diesen aggressiven Ton hört man dann nicht nur ebenso auf der Gegendemo, vielmehr sind Plakatwände nur ein Teil eines viel größeren Diskurses, der auf den unterschiedlichsten Plattformen – etwa im Internet – stattfindet. Die Straße und der Platz sind nur die traditionellen Rahmen von Öffentlichkeit und deswegen vielleicht auch am stärksten umkämpft, doch immer schon und immer mehr gibt es auch andere Schauplätze.

Den öffentlichen Raum sah man schon oft im Sterben liegen. Dass dem nicht so ist, dass gesellschaftliche Veränderung verräumlicht werden kann, das sollen am Samstag möglichst viele Menschen beweisen. Um 12:00 am Plac Matejki geht’s los.

One Response to “Umkämpfter Raum in Krakau – Toleranz und deren Gegner”

  1. Steve Says:

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