Vorurteile – Krakau, Homosexualität und kein Blick über den Tellerrand

April 25, 2008

Zwischendurch kann Krakau ganz schön nerven, da hält man den nationalen Pathos, den Stolz auf die Geschichte der Stadt und das Konterfei des letzten polnischen Papstes an allen Ecken fast nicht mehr aus. Darum zeigt man sich anfangs auch nicht sonderlich überrascht, wenn man folgendes Plakat sieht:

(auf die Schnelle übersetzt: Homosexueller Barbarismus in Krakau! Marschder Toleranz 2007 – propagierte Homosexualität unter „dem Auge des Papstes“ [am Foto der Bischofspalast, in welchem Papst Johannes Paul mehrmals wohnte und auch heute noch sein Bild hängt, welches für Katholiken zu einer Art Pilgerstätte geworden ist]. Marsch der Toleranz 2006 – Propagandisten von Homosexualität trampeln auf dem Grab des Unbekannten Soldaten am Matejko-Platz herum. Achtung! Am 26. April kommen sie wieder durch die Krakauer Straßen. [ganz unten:] Pior Skarga-Gesellschaft christlicher Kultur)

Dass hier die Bevölkerung vor einem Aufmarsch Homosexueller und ihrer Sympathisanten gewarnt wird, welcher nicht nur den religiösen, sondern auch den nationalen Stolz verletzt, ist natürlich schlimm und idiotisch genug. Aber ebenso beunruhigend habe ich es empfunden, dass ich mich von diesem Plakat nicht sonderlich überrascht gezeigt habe. Als ob ich es erwartet hätte, dass man so etwas gerade hier zu Gesicht bekommen kann. Typisch, habe ich mir gedacht, das kennt man ja schon aus der Vergangenheit.

Bei der Recherche fühlte ich mich auch zuerst bestätigt, die Homepage des Vereins strotzt vor religiösem und nationalem Pathos, ihr missionarischer Eifer drückt sich nicht nur in Kreuzzug-Symbolik aus. In einem Artikel der Internetzeitung gazeta.pl wurde im Jahr 2005 zu diesem Verein recherchiert und er berichtet nicht nur von geheimnisvoller Desinformation, sondern auch von der Nähe einiger beteiligter Personen zu den auch im Ausland bekannten Institutionen „Liga Polnischer Familien“ („Liga Polskich Rodzin“), dem dieser Partei nahe stehenden Jugendverband „Allpolnische Jugend“ („Młodzież Wszechpolska“) sowie zur klerikal-nationalistischen Zeitung „Nasz Dziennik“.

Soweit noch keine große Überraschung, aber der Gedanke kam auf, dass ich mit Österreich ob seines strukturellen Katholizismus, dem dortigen Konservativismus, dem Mysthizismus und der vorherrschenden Obrigkeitshörigkeit vielleicht manchmal zu streng ins Gericht gegangen bin. Wenn man es mit Polen vergleicht…

Dann kam ich aber doch noch rechtzeitig zur Besinnung. Der schon angesprochene Artikel erwähnte noch weitere Namen und Vereine und diese hatten nicht mehr unbedingt etwas spezifisch Polnisches an sich. Unter anderem findet sich hier ein brasilianischer Staatsbürger namens Leonardo Przybysz, oder der in Frankfurt/Main ansässige Mathias Gero von Gersdorff. Dieser wiederum war vor einigen Jahren auch in Österreich aktiv mit einem Verein namens „Österreichische Jugend für eine Christlich-kulturelle Gemeinsamkeit innerhalb des Deutschsprachigen Raumes“, von welchem sich die offizielle Kirche distanzierte. Immer wieder tritt er in Erscheinung, wenn es darum geht, radikale moralische Positionen zu vertreten [z.B. auf www.kreuz.net gegen „Bravo“]. Er ist Vorsitzender der deutschen Abteilung des Vereins „Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“, welcher wiederum ursprünglich in Brasilien gegründet wurde. Die Online-Ausgabe des Magazins „Titel“ berichtete 2005 von einer weiteren Aktivität von Gersdorffs im Verein „Deutschen Vereinigung für eine Christliche Kultur (DVCK) e.V.“ und zitierte dort aus einer Postsendung unter anderem folgendes:

„Möchten Sie, daß Ihre Kinder Schulkameraden haben, die keine Mutter, aber zwei Väter oder keinen Vater, aber zwei Mütter haben? [..] Möchten Sie, daß Ihre Kinder aufwachsen und die Homosexualität als etwas völlig Normales ansehen? […] Pädophilie, Pornographie im TV, erotische Blätter wie „Bravo“ für Kinder und Jugendliche… Was soll denn demnächst noch kommen? Kannibalismus, Nekrophilie und Polygamie? […] Es ist höchste Zeit, daß dieser Dekadenzprozeß gestoppt wird. Und hierzu brauche ich Ihre Hilfe.“

Nachdem ich also bei diesem Plakat begonnen habe und dann innerhalb kurzer Zeit bei wirklich beunruhigenden christlichen und/oder nationalistischen Fundamentalisten aus Brasilien, Frankreich, Deutschland, Österreich, Polen und bei deren Netzwerken gelandet bin, bekenne ich mich reumütig der Sünde des Vorurteils und lasse umso lieber mein schlechtes Gewissen wegen meiner Abneigung gegen die Fänge des Katholizismus wieder fallen.

Es bleibt daher nur noch zu betonen, welche Freude einem Krakau auch bereiten kann. Darum vormerken:

26.4.2008: Marsch der Toleranz in Krakau
im Rahmen des Festivals „Kultur für Toleranz“ vom 24.-27.4.

http://www.tolerancja.org.pl/

(ursprünglich am 18.4.2008 verfasst)

One Response to “Vorurteile – Krakau, Homosexualität und kein Blick über den Tellerrand”


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